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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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des Einen Herrschaft über das Handeln der Andern ge-winnen. Nach Carlyle ist der Schriftsteller daher der einfluß-reichste, moderne Mensch, der eigentliche Herrscher unsererZeit. Er übt den Beruf aus, der in früherer Zeit demPropheten und Priester zukam. Er leitet oder mißleitet dieMitwelt. Er hat jene Periode des Skeptizismus heraufge-führt, welche den Glauben zersetzt und mit dem Zerfall derbestehenden Gcscllschaftsorganisation endigt. Er hat die Fol-gerungen dieser Richtung gezogen: im Materialismus, Utili-tariertum und Pessimismus. Er allein ist imstande, dieMächte der Zerstörung zu bezwingen, gegen welche äußer-liche Mittel, soziale Reformvorschläge aller Art, wie sie täg-lich entstehen und vergehen, wirkungslos bleiben. Könnteman dagegen darthun, daß in den Kreisen der Denker jenebezeichneten Tagesrichtnngen überwunden sind, so wäre damitwenigstens die Möglichkeit einer radikalen Gescllschaftsrcformerwiesen.

Diejenigen Männer, welche wie keine andern die geistigenFührer Europas waren und damit einen großen, ja den be-stimmenden Einfluß auf seine Entwicklung gewonnen haben,Männer wie Christus, Augustinus , Luther u. a. haben nichtdnrch eine ausschließlich logische Verstaudesthätigkcit dieseBedeutung erlangt. Ihre Stärke liegt vielmehr auf demmoralischen Gebiete, welches für Carlyle transcendenter Naturist. Ihr Wirken war sozial aufbauend. Ihnen gegenüberstehen die Denker unserer Zeit, für welche allein das sinnlichwahrnehmbare das Reale und die Moral eine Nützlichkeits-lehre ist. Haben jene die Mitmenschen zu sozialem Handelnerzogen, so werden sie durch diese wieder individualistischbestimmt. Dieser Richtung gehörten nach Carlyle die fran-zösischen und englischen Aufklärungsphilosophen an, denen dieZeitgenossen folgen.

Dagegen glaubte Carlyle, daß sich in Deutschland einUmschwung anbahne. Dort schien man die materialistischeund utilitarische Weltanschauung abzustreifen, aber nicht da-durch , daß man zu den alten Glaubensformen, der altenspekulativen Philosophie mit ihren Gottesbewcisen :c., zurück-