Druckschrift 
Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
Seite
170
Einzelbild herunterladen
 

170

verstand, kämpft sich empor in der Seele des Menschen, wirdsich herausschälen aus dem, was manche von uns unehr-erbietig in ihrer Ungeduld dasalte hebräische Gewand"nennen und wird von neuem die Nationen segneu, sie vonihrer Niedrigkeit, ihren unerträglichen Wehen und dem Wahn-sinn ihrer Irrfahrten befreien. Diese Thatsache wohnt nichtausschließlich oder in hervorragender Weise in hebräischenKleidern, alten oder neuen, sondern im Herzeu der Naturund des Menschen. Kantszwei Dinge, die ihn mit Be-wunderung erfüllen", sind ebenso wahrnehmbar wie zu Königs-berg in Preußen zu Charing-Croß in London . Aller Augenwerden sie allmählich besser erkennen und die Wenigen,die das Salz der Erde sind, werden sie zuletzt gut er-kennen mit Erfolgen für jedermann. Ein großes Werkist es in der That, vor dessen Größe jedes andere insNichts sinkt."')

L. Die äußeren Formeu.

Carlyle war zu sehr von der Abhängigkeit der äußercuvon den inneren sozialen Formen durchdrungen, als daß erirgend einem jener Vorschläge hätte beipflichten können, mit-telst deren man, sei es durch private Maßnahmen, sei esdurch staatlichen Eingriff, den morschen Gesellschaftsbau zuverjüngen hofft. Allen solchen Weltverbesserern gegenüberhat Carlyle immer wiederholt: um das Gauze zu reformie-ren, reformiere dich selbst, das ist das beste und wichtigste,was du thun kannst; erhebe dich vom individualistischen zumsozialen Dasein; mache aus dir, wie Goethe gesagt hat, einOrgan. Mit jedem anderen Reformversuche läßt du dasÜbel selbst unberührt, du unterdrückst nur Symptome ohnedie Krankheit zu treffen. Hinter der Größe dieses Problemsschienen ihm alle jene Reformvorschläge weit zurückzubleiben.

Von solchen Gedanken bewegt, konnte Carlyle kein fer-tiges Rezept einer sozialen Reform bereit halten. Aberwie sehr er auch vou der Schwäche des Einzelnen den Welt-

*) Aisosllansous Lss^s VI, S. 371.