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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
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Carlyle nimmt eine eigentümliche Mittelstellung einzwischen denen, welche die einzig mögliche Rettung beimStaate suchen, und denen, welche alles von der freiwilligenInitiative der einzelnen erhoffen. Das Ncuübcrhandnehmensozialer Gesinnung, das nach ihm das wichtigste ist, soll ingleicher Weise den Staat sowie die einzelnen ergreifen.

Gehen wir zu der Rolle über, welche Carlyle demStaate anweist, so sehen wir ihn auch hier weit davon ent-fernt, irgend welche Maßregel als das Univcrsalmittel gegenalle Leiden hinzustellen; eine allgemeine Vorschrift für dieZukunft aufzufinden geht über den Verstand des einzelnen.Was dem einzelnen wie dem Staate allein übrig bleibt, isteine Politik von Fall zu Fall, getragen durch Erkenntnisund Anerkennung der unumstößlichen Thatsachen der Zeit.

Carlyle hat in Beziehung auf die Grenzen der demStaat zukommenden Thätigkeit im Gegensatz zu der herrschen-den Theorie sich wiederholt für staatliche Regelung der Ar-beitsbedingungen uud Schutz der Schwachen ausgesprochen,damit ein Befürworter zugleich der frühesten Fabrikgesetz-gebung. An einer Stelle stellt er sich vor, daß er diese seineAnsichten vor einem Auditorium von Zeitgenossen verteidige.Wenn er dabei auf die Notwendigkeit zu sprechen kommt,daß die Arbeit unter einerentsprechenden Regulierung" vorsich gehen solle,so erhebt sich," sagt er,ein unbeschreib-licher Aufruhr, nicht länger unterdrückbar, seitens aller Artvon Volkswirten und Konstitutionellen uud Professoren jenerhäßlichen Wissenschaft", welche recht zahlreich im Saalezerstreut sitzen; Rufe ertönen, wie:Private Unternehmung",Rechte des Kapitals",Frciwilligkeitsprinzip",Grundsätzeder britischen Verfassung", getragen von dem beistimmendenGesumme der ganzen Welt". Wenn heute in England dieZulässigkcit staatlichen Eingriffs allgemein anerkannt ist, sozeigt dies die Größe des Umschwungs, welcher sich seit einemHalbjahrhundcrt in der öffentlichen Meinung vollzogen hat,an dem Carlyle ursächlich beteiligt ist.

Bor allem aber forderte Carlyle die Abschaffung derGctreidezölle. In ihnen sah er eine höchst gefährliche Be-