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erwarten steht und ob die Verwirklichung dieses Zieles zu denHoffnungen berechtigt, die von mancher Seite daran geknüpftwerden.
Der Wunsch nach Colonisation hat seine natürliche Berechti-gung. Wir sehen beständig Schaaren kräftiger Auswanderer jenseitsdes Oceans ziehen; schnell vermischen sich Deutsche und Ameri-kaner, und das Bestreben, die eigne Nationalität unter ihnen auf-recht zu erhalten, ist vergeblich. Der Gebildete widersteht denEinflüssen seiner neuen Umgebung zwar länger als der Mann ausdem Volke, aber nach wenigen Generationen ist die Verschmel-zung sicher vollzogen oder hat sich zu einem Zerrbilde beiderNationalitäten, welches keinen cultivatorischen Einflufs bean-spruchen kann, herausgebildet. Selbst das starre Festhalten ander angestammten Nationalität unter einem fremden Volke istwenig erspriefslich, wie die Bedeutungslosigkeit der französisch-creolischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten beweist. DieWahrnehmung, wie sich das nationale Band zwischen uns undunsern amerikanischen Landsleuten löst, berührt uns schmerzlich,und das Bestreben, den Auswanderungszug nach Colonien zulenken, in welchen deutsche Sprache, Sitte und Geist ihre Strahlenjenseits des Oceans werfen, und die Hinwegziehenden durch einepolitische Verbindung an uns zu fesseln, ist um so erklärlicher,als die populäre Ueberlieferung Colonien mit dem Nimbus einerunerschöpflichen_Reichthums- und Machtquclle für das Mutterlandumgiebt.
Von diesem Gesichtspunkte aus haben die früheren Vor-kämpfer für Colonisation die Frage meist behandelt. Die jetzigeAgitation hingegen fragt nicht mehr, ob es wünschenswerth seizu colonisiren, sondern sie giebt ihr die peremptorische Fassung«Müssen wir colonisiren» und bejaht dies als eine uns zwin-gende Nothwendigkeit.
Unter den vielen Schriften, welche dies Thema behandeln,hebe ich zwei Brochüren hervor, die durch Fafsung und Inhalt einebesondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben, nämlich:«Bedarf Deutschland der Colonien? Eine politisch-ökonomische Be-trachtung von D. Friedrich Fabri» und ferner «Die Erweiterung desdeutschen Wirthschaftsgebietes und die Grundlegung zu über-seeischen deutschen Staaten von Ernst v. Weber», dem Verfasserdes interessanten Reisewerks «vier Jahre in Afrika ». Beide Ver-
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