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Ueber Colonisation / von F. C. Philippson
Entstehung
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stände eine Richtung zeigte, die sich mit dem Schutz der na-tionalen Arbeit zu decken sucht, indem sie für eine nationaleColonisation agitirt. Obwohl die Anregung hierzu nicht neu ist,hat sie durch neue Vorgänge doch eine erhöhte Bedeutung gewon-nen und ist, hierdurch aus dem theoretischen Bereiche heraus-tretend, zu einer dringlich praktischen geworden. Es ist daheran der Zeit gewissenhaft zu prüfen, ob dem deutschen Volkeeine überseeische Colonisation frommt, um somehr, als die Aus-dehnung der englischen Colonien, die kräftige Entwickelung dervereinigten Staaten von Nord-Amerika , unser erhöhter Verkehrmit überseeischen Ländern, der sich steigernde Einflufs der Colo-nialproduktion auf unsere Märkte und schliefslich unsere erhöhtepolitische Bedeutung treibend auf die Bestrebungen, welche un-sere Macht jenseits des Oceans auszudehnen trachten, einzuwirkengeeignet sind.

Die Frage, ob sich der Volkscharakter der Deutschen zumColonisiren eignet, mufs bejaht werden. Der Deutsche besitztalle hierzu erforderlichen körperlichen und geistigen Bedingungen,wie die Entwickelungsgeschichte des deutschen Volkes, in wel-cher sich eine fortlaufende Tendenz zur Colonisation kundgiebt,beweist. Sie hat sich passiv in der alten Auswanderung unter latei-nische und celtische Völker, von denen sie bis auf wenige zurück-gelassene Spuren absorbirt worden ist, gezeigt, ebenso in der mo-dernen Auswanderung nach Nord-Amerika , woselbst das deutsche 'Element politisch zwar in dem Staatengemenge aufgeht, aberinnerhalb desselben ein gewichtiges Moment bildet, mit dessenEinflufs in politischer, gesellschaftlicher und cultivatorischer Be-ziehung gerechnet werden mufs. Activ hingegen in der Aus-wanderung nach Britannien wo es, mit celtischen und normannischenStämmen vermischt, eine Schwesternation gebildet hat, derendeutscher Ursprung in Sprache, Institutionen und den Grundzügendes Volkscharakters noch heute deutlich hervortritt; vor allemaber in dem rastlosen Vordringen der Deutschen gegen Osten,wo es eine slawische Urbevölkerung bis auf wenige zurückblei-bende Reste in sich aufgenommen oder deutsche Inseln in ihrerMitte gebildet hat. Steht somit die persönliche Befähigung desDeutschen aufser Frage, so müssen wir prüfen, ob eine über-seeische Colonisation der politischen Aufgabe des Reiches förder-lich ist, welche Einwirkung auf den Nationalwohlstand daraus zu