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Ueber Colonisation / von F. C. Philippson
Entstehung
Seite
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Einwirkung die gewerbliche Thatkraft quantitativ und qualitativleidet. Er vermindert die Production und unterbricht die Aus-bildung des Individuums in der Periode der intensivsten geistigenAufnahmefähigkeit. Hierdurch könnte das produktive Gleichgewichtzwischen Europa und den überseeischen Culturländern mit derZeit gestört werden und die Auswanderung Dimensionen an-nehmen, welche die Befürchtung vor Uebervölkerung ins Um-gekehrte verwandelt.

Ein eigenthümliches Zeichen der Unsicherheit über die Ein-wirkungen der Auswanderung in Bezug auf Bevölkerung zeigt sichin einer jetzt in Frankreich in Scene gesetzten Agitation, welcheeine regere Colonisation verlangt und zwar aus dem entgegenge-setzten Grunde, den unsere Agitatoren dafür geltend machennämlich, aus Furcht vor einer drohenden Entvölkerung. Ein vorKurzem von Paul Gaffarel über die Geschichte der französischenColonien erschienenes Werk plaidirt für eine Wiederaufnahme derColonisation, um der Entvölkerung Frankreichs zu begegnen,welche das Land, wie er annimmt, zur Machtlosigkeit gegen seineNachbarstaaten degradiren mufs. Englands Bevölkerung habesich, sagt er, seit einem Jahrhundert verdreifacht, obwohl esAmerika und Australien bevölkert hat; Rufslands Bevölkerungseit Alexander I. sich verdoppelt ebenso Deutschlands trotz seinerstarken Emigration, (die Erweiterungen der Landesgebiete scheinter unberücksichtigt zu lassen) und er führt die schwache Ver-mehrung der französischen Bevölkerung auf die zu geringe Aus-wanderungslust der Franzosen zurück, indem ihr Wachsthumunter der Furcht vor Zersplitterung des Grundbesitzes und derangesammelten Vermögen zurückgehalten werde. Die Geburteines zweiten Sohnes werde in den meisten ländlichen Bezirkenals ein Familienunglück, als eine Schädigung des Familien-besitzes angesehen. Vermittelst der Auswanderung resp. Coloni-nisirung will er Ellbogenraum schaffen und hofft, dafs sie einMittel für eine gröfsere Energie in der Vermehrung bilden werde.Die Gründe, welche er als Ursache der zweifellos trägen Volks-vermehrung bei den Franzosen annimmt, werden von vielenseiner Landsleute getheilt; aber wenn auch diese allein nicht dereigentliche Sitz des Uebels sein sollten (eine Frage, auf die hiernicht eingegangen werden kann), so ist es dennoch unbestreitbar,dafs die Vermehrung eines Volkes stets im Verhältnisse zu der