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nügend stark ausgebildet sind, um auch ohne Schutz mit denenanderer Völker zu concurriren. Ohne Zweifel ist die Industrie-entwickelung Englands durch seine Colonien befördert worden,aber man darf nicht vergessen, dafs die Anfänge dazu in eine Zeitfielen, in welcher der Verkehr zwischen den europäischen Nationennoch sehr wenig entwickelt und durch Kriege gehemmt war, unddafs die damalige Anschauung es zuliefs, die Colonien als Do-mänen des Mutterlandes oder der Handelsgesellschaften rück-sichtslos auszupressen.
Macauley, dem Niemand seinen englischen Patriotismus ab-sprechen wird, äufsert sich folgendermafsen über die BehandlungIndiens durch die ostindische Gesellschaft: «Enorme Reichthiimerwurdenschnell inCalcutta eingeheimst, während 30Millionen mensch-licher Wesen in die äufserste Noth versetzt wurden. Sie warengewohnt unter Tyrannen zu leben, aber nie unter einer Tyranneiwie diese. Sie empfanden den kleinen Finger der Gesellschaftschwerer als die Hüfte von Surajah Dowlah. Gegen ihre altenHerrscher hatten sie wenigstens ein letztes Mittel; wenn derDruck unerträglich wurde, so warfen sie die Regierung nieder.Aber das englische Regiment war nicht abzuschütteln. Diese Re-gierung, so unerträglich wie die drückendste Form barbarischenDespotismus, war zu gleicher Zeit stark, mit aller Kunst der Civili-sation. Sie glich eher einer Herrschaft von Dämonen als mensch-lichen Tyrannen.» Solche Mittel sind heutzutage nicht mehr an-wendbar. Die Begriffe der Regierungspflichten haben sich seitdemgeklärt und eine jede Regierung, welcher Richtung ■ sie auch ihrenUrsprung verdankt, kann sich auf die Dauer des Schutzes derSchwachen den Mächtigen gegenüber nicht entziehen, ohne in ihremeigenen Lager auf den heftigsten Widerstand zu stofsen und ihreExistenz zu untergraben. Auch in Indien war das System nicht halt-bar. Nachdem die Gesellschaft ihre Monopolien nach und nach ver-loren hatte, bestand sie noch als Regierung weiter, bis sie nach derRebellion vor ca. 20 Jahren aufgelöst wurde und die englischeRegierung Indien als Kronland in Besitz nahm.
Wenn jetzt eine Colonie lebensfähig bleiben soll, so mufs ihr diegröfseste wirthschaftliche Selbstständigkeit gewährt werden, selbstwenn sie vom Heimathsstaate aus ohne eigene Vertretung regiertwird. Das Verhältnifs des Colonisten zum Mutterlande ist von derStellung eines Bürgers zu seinem Staate, grundverschieden. Ersterer