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Ueber Colonisation / von F. C. Philippson
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v. Weber ist ein Enthusiast für die Colonisation, und einemEnthusiasten mufs man Manches zu Gute halten, aber die Boersstehen uns nicht einmal so nahe wie die Holländer , eine Nationdie sich doch frühzeitig von uns in Sprache und Sitte getrennt hat,die ihre eigene Cultur, Literatur und Nationalität besitzt, undvon unserer Landsmannschaft ebenso wenig wissen will, wie dieDänen, Schweden und Norweger, die nicht minder unsereStammesgenossen und Brüder sind. Der Boer ist ein Stock-holländer, der um zwei Jahrhunderte hinter der Cultur zurück-geblieben ist und einen Beigeschmack von Kaffernthum ange-nommen hat. Selbst mit dem neu eingewanderten Holländerverständigt er sich schwer, und Scheu vor Berührung mit An-deren bildet den Grundzug seiner Eigenthiimlichkeit. Er verlangtfür sich den weitesten Spielraum, jede Nachbarschaft ist ihm lästig.Herr v. Weber rühmt ihm zwar nach, dafs er die Bibel stetsauf dem runden Tische liegen hat und sein Tagewerk mit einerHymne beginnt, aber neben seiner Frömmigkeit trachtet er danachdie Schwarzen mit Scorpionen zu züchtigen, und seine Bibelfestig-keit äufsert sich meist in alttestamentarischen Citaten über dieVertilgung der Heiden, d. h. der Kaffern. Es gehört wirklichder ganze Enthusiasmus eines Colonisationsschwärmers dazu, umuns diese «Biedermänner», die mit uns nichts gemein haben, als dieHautfarbe und eine Anzahl von Wörterwurzeln, als unsere Lands-leute aufzubürden.

Bei der Beurtheilung afrikanischer Verhältnisse darf man nieaus den Augen lassen, dafs die Eingeborenen-Bevölkerung nichtallein bildungs-, sondern auch widerstandsfähig ist, und daher nichtwie der amerikanische Indianer oder Australneger bei der Be-rührung mit der Cultur eingeht. Die schwarze Bevölkerung hatsich im Gegentheile vermehrt, seitdem England ihrer gegenseitigenZerfleischung Einhalt gethan hat und sie, unter Schutz gegen denMifsbrauch der Weifsen, zur Arbeit heranzieht.

Es ist bemerkenswerth, dafs unter den 550000 acres be-bauten Landes, die sich im Jahre 1875 in der Cap-Colonie be-fanden, 150000 acres d. h. mehr als J / 4 von Eingeborenen alsEigenthum cultivirt wurden, und dafs ihnen von den 24416 Pflügender Colonie 9 179, also x j 3 gehörten. Sie besitzen nicht wenigerals 1 108 346 Schafe und bringen jährlich ca. 2,2 Millionen PfundWolle zu Markte. Die Erwerbsfähigkeit der Kaffern und Hotten-

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