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Ueber Colonisation / von F. C. Philippson
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Ahnung von dem chauvinistischen Eifer, der in einer solchenZumuthung liegt und von den Folgen, die uns hieraus erwachsenkönnen. Sicher soll ein Staat Conflicte nicht scheuen, wenn essich um den Bestand des Landes, um die Sicherheit und Ehreseines Volkes handelt, aber ebenso sicher hat eine Regierungalles zu vermeiden, was Conflicte hervorrufen kann, wenn jeneFälle nicht vorliegen.

Ganz Europa zittert unter dem Druck gespannter politischerVerhältnisse; die Kräfte der Nationen werden aufs äufserste inden beständigen Vorbereitungen ihnen zu begegnen angestrengt;bei jedem Windhauch fällt die Welt in eine nervöse Erregung;Fürsten und Staatsmänner müssen wieder und wieder ihre fried-liche Gesinnung mit Ostentation hervorheben, um die Angst zubeschwichtigen; und in diesem unnatürlichen, überreizten Zustande,der von der Welt (mit Recht oder Unrecht) nur als ein Waffen-stillstand angesehen wird, verlangt es den Herren nach neuenConflicten und dies Alles, um einer Uebervölkerung zu be-gegnen, die noch nicht vorhanden ist, und wegen eines proble-matischen Experimentes unser Wirthschaftsgebiet zu vergröfsern,das sich von Jahr zu Jahr ganz von selbst vergröfsert, wenn mandie Productionsfähigkeit des Volkes nicht durch iibermäfsige Be-lastung einengt und das Vertrauen in die Stabilität der Verhält-nisse nicht durch Conflicte erschüttert.

Bis jetzt hat es Deutschland in der Hand, die Auswanderungnach jenen Theilen durch Warnung vor derselben und durchBeaufsichtigung der Auswanderungs-Agenten zu beschränken, aberunter Verträgen nach jenem Vorschläge wäre Deutschlands Ehrefür die Erfüllung derselben verpfändet. Bis jetzt kann Deutsch-land durch friedliche Interventionen und seinen moralischen Ein-flufs manche Härte mildern; mit jener Bedingung übernimmt esselbst die Garantie und mufs stets bereit sein, die Auswanderermit den Waffen in der Hand zu schützen.

Es ist so überflüssig als müfsig, Prophezeiungen über dieErfolge solcher Collisionen auszusprechen. Eine europäischeNation, der eine Flotte und eine kriegstüchtige Mannschaft zuGebote steht, wird im Anfang gegen eine schwache Regierungein leichtes Spiel haben. Es ist selbst nicht unmöglich, dafs siesich dauernd behaupten kann, obwohl das Beispiel der Franzosen in Mexico nicht ermuthigend für solche Abenteuer spricht, und