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Ueber Colonisation / von F. C. Philippson
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tischen Notizen, welche sich hierauf beziehen, geben kein Bild desGesammtverkehrs mit dem Auslande. So lange als der Werthaller Guthaben, welche das Inland vom Auslande zu fordern hat,unbekannt bleibt, sind jene Factoren zu ungenügend, um irgendwelche haltbaren Schlüsse aus ihnen herzuleiten. Wo ist z. B.die Controle für die Capitalien, die im Auslande in Werth- undStaatspapieren aller Art angelegt sind? Wie hinfällig aber jeneTheorie der Handelsbilanz ist, geht schon aus einem uns sehrnahe liegenden Factum zur Evidenz hervor. Es betrug nämlichder Verkehr deutscher Schiffe mit Ladung zwischen aufser-deutschen Häfen in den letzten 6 Jahren im Durchschnitt perJahr 3,3 Millionen registrirter Tons. Der Netto-Erlös aus denFrachten und ein grofser Theil der gezahlten Löhne kommt aberdeutschen Staatsbürgern zu Gute, ohne dafs dieser beträchtlichePosten in unserer Handelsbilanz figurirte, oder sich genau taxirenliefse.

Ein nicht zu unterschätzender Vortheil des Colonial-Besitzesbesteht darin, dafs er Gelegenheit bietet, überflüssige Capitaliendauernd anzulegen; wo sich solche angehäuft haben, können siedahin einen lohnenden Abflufs finden. Eine capitalarme Bevölke-rung wird hingegen hiervon nur geringen Gebrauch machen können,weil solche Anlagen immerhin zu den riskanten, schwer zu reali-sirenden Unternehmungen gehören. Für den Mutterstaat ist, (wennman die indirecte Einwirkung auf die Steuerfähigkeit seiner Bürgerabrechnet), die Colonie hingegen meist keine Einnahmequelle; invielen Fällen wird sogar sein Budget durch ihre Verwaltung sowohlals ihre Vertheidigung schwer belastet. Trotzdem British-Indienseine getrennte Finanz- und Zollwirthschaft besitzt, hat England sein Budget dennoch häufig genug für die Vertheidigung des-selben beschweren müssen. Die holländische Regierung hat aller-dings von Java während vieler Jahre bedeutende Erträge bezogen,aber nur durch die Ausbeutung der Eingeborenen, da das hollän-dische Cultursystem in Java die Bevölkerung gegen einen verhält-nifsmäfsig geringen Lohn zur Arbeit zwingt. Jetzt hingegen gehendie Ueberschüsse aus den Colonien in den Ausgaben für die »Kriegsführung in Atschin auf.

Seit der Feststellung der englischen Handelsverträge ist denBürgern der Vertragsstaaten der coloniale Handel freigegebenworden, und es ist wichtig, dafs man diese Thatsache, welche