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Ueber Colonisation / von F. C. Philippson
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punktes, bei ihrer Lectüre oft genug duftig angeheimelt hat. Dafswir, denn ich rechne mich zu dieser Menschenklasse, «nur immerdas Gedeihen des Individuums im Auge haben», kann er unsnicht vorwerfen, da auch er dieser Seite die gröfste Wichtigkeitbeimifst und einmal sogar ausdrücklich sagt, dafs «die wirtschaft-liche Verbindung, nicht die politische das Wesentliche» bei derColonisirung sei, wie er denn überhaupt als Ausgangspunkt seinerAgitation die jetzige schlechte Lage des Arbeiters hervorkehrt,welche er durch Colonisation zu verbessern hofft. Doch jetztwendet er das Blatt um, und über die Frage: «Wo bleibt der pa-triotische Standpunkt?» habe ich mich mit ihm auseinander-zusetzen!

Der Patriotismus ist die gröfste Tugend des politischenMenschen, denn sic fordert von ihm einen Grad von Opferfähig-keit für das Gemeinwohl, den ein Individuum dem andern nichtgewähren kann. Gut und Leben soll er für die Gemeinschaftlassen können, und sein Lohn besteht in dem Schutz, welchener von ihr empfängt und unter dem sich seine Individualität freientwickeln kann. Deshalb ist Freiheit ohne Patriotismus undenkbarund ihre höchste Blüthe ist da zu finden, wo Staat und Individuenin harmonischer Verbindung zu einander stehen. Mit keinemWorte wird aber ein gröfserer Mifsbrauch getrieben als mit diesem,und kein Begriff wird häufiger verfälscht.

Des kleinen Spiels, welches Gewinnsucht und Eigennutz unterdieser Devise treiben, werde ich nur flüchtig gedenken. Sie keh-ren den Begriff um und lassen das Individuum von der Gesammt-heit Opfer fordern. Der Patriotismus soll die Getreideeinfuhroder die Lumpenausfuhr verbieten; das Land mit Papiergeldüberschwemmen, um die Waareneinfuhr zu erschweren; die Eisen-bahntarife nach aufsen niedriger und nach innen höher stellen; Elb-caviar und Grüneberger zu Delikatessen adeln und aus Schmalzund Käse eine Nationalfrage machen. Diese Species von Pseudo-Patriotismus ist eine kurzlebige Modekrankheit, die ihr Correctivin sich selber finden wird, da die verschiedenen Begehrlichkeiten,die sie erweckt hat, im gegenseitigen Kampfe ihre absurdeFälschung enthüllen.

Gefährlich ist aber der falsche Patriotismus des Dünkels, weilSelbstverblendung seine Grundlage bildet, und er oft im gutenGlauben angerufen wird. Ein Engländer nannte einst Patriotismus

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