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dann das Privatinteresse und drängt sich anmafsend hervor. InEngland war der Nabob des vorigen Jahrhunderts eine ebensogefürchtete als verhafste Persönlichkeit. Die Vielseitigkeit derenglischen Interessen und das Zurücktreten der Handelscoloniegegen die Ackerbaucolonie hat die Verhältnisse dort äquilibrirt,zumal da Indien nicht mehr wie früher eine Goldgrube ist, sonderndie hinausgehenden Beamten jetzt in der Regel mit mäfsigenPensionsansprüchen und kranker Leber zurückkehren und dieHandelsgeschäfte zum Theil in den Händen von Eingeborenen sind.Samoa wird aber schwerlich für uns ein Indien werden und seinBesitz, der von unseren Colonialfreunden so sehr ersehnt wird,bietet keinen Ersatz für die Handelsverträge, deren Erhaltungund Ausdehnung für uns von ungleich gröfserer Wichtigkeit alsder Erwerb von Colonien ist.
Herr v. Weber ereifert sich sehr über einen Artikel in demMeyer’schen Conversationslexikon, welchen er wörtlich citirt undworin Ansichten, die den oben niedergelegten ähnlich sind, aus-gesprochen werden, und sagt darüber: «Wo bleibt bei allen denphiliströsen Reflexionen dieses weisen Salomo der patriotischeStandpunkt?» und nachdem er sein Steckenpferd der «fort undfort um sich greifenden und allmählich die ganze Welt miteisernen Armen umspannenden anglosächsischen und russischen Nationen» aufgezäumt hat, fügt er hinzu: «Immer haben solcheprincipiellen Gegner deutscher Colonien in kurzsichtigster Weisenur das persönliche Gedeihen der Individuen im Auge, niemalsdie Stellung der deutschen Nation als ebenbürtiger Schwester unterden übrigen Nationen! Könnte und sollte das deutsche Volknicht ebenso eine weit gebietende und über endlose Territorienherrschende Königin unter den Nationen sein, wie die englische,die amerikanische, die russische?»
Was die philiströse Reflexion anbelangt, so kann der Ver-fasser jenes Artikels dem Herrn v. Weber für das Complimentdankbar sein. Reflection ist immerhin ein geistiger Procefs, undselbst das Wort «philiströs» hat nichts Beleidigendes, da es imGrunde nur eine burschikose Bezeichnung für verständig-nüchternsein soll. Solche Reflexionen unterscheiden sich allerdings von derphantasiereichen Blüthenlese, welche der Brochure des Herrnv. Weber den Reiz des Frischen, Jugendlichen, ja fast Studenti-schen verleiht, und der uns trotz unseres abweichenden Stand-