Druckschrift 
Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
Entstehung
Seite
23
Einzelbild herunterladen
 

23

agrarisch-feudalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ausgeht.Aber die Juden haben viel vor den einheimischen Kaufleuten voraus.Sie dürfen Zinsen nehmen, diese nicht. Dabei kamen ihnen ihre inter-nationalen Handelsverbindungen zu gut. Sie werden daher wegenihrer Privilegien und des vermöge derselben erworbenen Reichtumsbeneidet und gehaßt. Sie werden nur mehr geduldet. Ohne denbesonderen Schutz der Grundherrn, in deren Gebiet sie sich nieder-gelassen, können sie angesichts der Anfeindungen der Bevölkerungnicht existieren. Daher die sonderbare Stellung der Juden zur Zeitder feudalen Wirtschaftsorganisation. Sie sind nicht persönlich unfrei,aber sie sind auch nicht so frei wie andere Freie. Sie sind Fremde,die auf christlichem Gebiete wohnen unter Bedingungen, wie sie ihnender Herr des Gebiets willkürlich auferlegt. 1 ) Vor Allem erlangen sienur ein Nutzeigentum an allem, was sie haben und erwerben. Abersie haben nicht die Abgaben der Hörigen zu leisten. Dagegen unter-liegen sie der Besteuerung nach Belieben der Herren, die nur durchdie Erwägung eingeschränkt wird, daß man die Henne nicht tötendürfe, welche die goldenen Eier legt. Der Jude war also eine Quellegroßer Einnahmen. Daher freuen sich Fürsten und Bischöfe, Judenin ihrem Gebiete zu haben, und man sucht sie durch Privilegien ansich zu ziehen. So siedelt z. B. der Bischof Rüdiger von Speyer imJahre 1084 Juden an, »damit er dadurch den Glanz des Ortes ver-tausendfache« 2 ) und ähnlich Herzog Ludwig von Bayern bei derGründung von Landshut im Jahre 1204. 3 )

Allein Handel und Geldleihe sind importierte, ihrer Natur nach

') Über den Ursprung dieser eigentümlichen Stellung der Juden als persönlichfreie Glieder einer im Lande anerkannten fremden Nation vgl. die von mir aufge-stellte Vermutung am Schlüsse des III. Exkurses.

2 ) Siehe Aronius, a. a. O. S. 70.

3 ) Der Herzog scheint, als er gelegentlich eines mit dem Bischof von Regens-burg geführten Kriegs Stadt und Burg Landshut erbaute, sich dabei der Hilfe, d. h.des Geldes der Juden bedient zu haben. Es siedelten sich dort auch Landleutean, welche von ihm durch Privilegien gegen ihre Gläubiger unterstützt wurden.Endlich läßt sich dort auch ein Jude nieder, welcher den Eingeborenen gegen ZinsGeld vorstreckt. Siehe Aronius, a. a. O. S. 162.