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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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eines zu Erwerbszwecken unternommenen Kriegs, wie er sich imvierten Kreuzzug im Großen abgespielt hat. 1 )

Aus allem, was ich hier vorgeführt habe, erhellt: von dem viertenKreuzzuge datiert nicht der Beginn des modernen Kapitalismus ; 2 )hätte dieser nicht bereits lange vorher eine hohe Ausbildung erreicht,so wäre der vierte Kreuzzug gar nicht denkbar gewesen. Statt desBeginns bedeutet er eine wahre Orgie des modernen Kapitalismus,die selbst in unseren Tagen nicht viel Ähnliches aufzuweisen hat.Aber kehren wir vom vierten Kreuzzug und seinen für Venedig weit-tragenden Folgen zu der vorausgegangenen Zeit zurück, um nur inwenigen Worten noch darzulegen, in welcher Weise schon in dieserHandel und Geldleihe, die ihrer Natur nach kapitalistisch sind, daskapitalistisch organisierte Kriegswesen ihren Zwecken dienstbar ge-macht haben.

Daß der Kaufmann von jeher im Gefolge des Kriegsmanneseinherging, um diesem die gemachte Beute für einen Bettel abzu-kaufen und sie dann teuer wieder zu verkaufen, ist bekannt. 3 ) Aberganz anders die Vorteile, die der Handel nun von den Kreuzzügen

') Über den vierten Kreuzzug und die Expedition des Wilhelm von Champlittenach der Morea vgl. den II. Exkurs im Anhang.

2 ) Das ist die Ansicht, welche W. Sombart im ersten Band seines Werkes»Der moderne Kapitalismus«, Leipzig 1902, vertreten hat. Vgl. den Exkurs III, 1im Anhang.

3 ) So marschierten hinter den Heeren, welche die Seleukiden und Ptolomäergegen Palästina führten, Kaufleute, um die Juden, die zu Gefangenen gemachtworden waren, als Sklaven zu fesseln und alsdann auf den verschiedenen Märktender Welt zu verkaufen. (Siehe Jean Juster, Les Juifs dans lempire romain, Paris 1914, II 17.) Nachdem die Juden selbst zu Kaufleuten geworden waren, haben siedie gleiche Rolle im Gefolge byzantinischer und germanischer Heere übernommen.Aber auch andere Kaufleute taten dasselbe. Muratori, Antiqu. II 882 berichtet,daß die Kriegszüge der Byzantiner gegen die Assyrer von venezianischen und amal-fitanischen Kaufleuten begleitet wurden. Ähnlich folgten Kaufleute nicht bloß ausden italienischen Kommunen, sondern aus dem ganzen Abendlande den Kreuzfahrern.(Vgl. Beugnot in seiner Einleitung zum 2. Band der Assises de Jerusalem p. XVII,Paris 1843.) Dasselbe wird noch von den spanischen Kaufleuten aus der Zeit derKriegszüge der Spanier gegen Granada am Ende des 15. Jahrhunderts berichtet.(Vgl. Washington Irving , Die Eroberung N. Granada aus den Papieren BrudersAntonio Agapida, deutsch von K. Meurer. Frankfurt a. M. 1829, I, 96.)