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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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gleichsam nur der Repräsentant des Sachvermögens und als solcher vertret-bar; das Sachvermögen selbst aber kommt nicht in Betracht entsprechendseiner ihm eigentümlichen Natur als Fabrik, Rohstoff, Werkzeug, Maschine,Grundstück usw., sondern seiner technischen Natur völlig entkleidet, lediglichals Vertreter eines Geldwerts, der dem Erwerb weiterer Geldsummen dienensoll. Das geschieht, indem man den Wert des Sachvermögens in eine Wareumsetzt, sei es, daß man diese mit Flülfe der Leistungen Anderer, die mangekauft hat, herstellt, sei es, daß man die Ware von Anderen kauft, um siedurch abermaligen Verkauf in Geld zurückzuverwandeln. Oder um in derFormelsprache des Karl Marx zu sprechen: an die Stelle der handwerks-mäßigen Produktion, die Waren herstellt und sie in Geld umsetzt, um dafürWaren für den eigenen Bedarf einzutauschen, an die Stelle der FormelWGW, tritt die Formel G (Geld)W (Ware) Gg (vergrößerte Geld-summe). Und nun kommt das wichtigste, die Folge der Verselbständigungdes Sachvermögens für die Zwecksetzung: Ist es nicht mehr eine lebendigePersönlichkeit, sondern das Abstraktum Sachvermögen, das im Mittelpunktsteht, so wird damit der Zweck der Unternehmung losgelöst von der leib-lichen individuellen Persönlichkeit des Wirtschaftssubjekts. Nicht mehr derquantitativ und qualitativ fest umschriebene Bedarf einer Person oder einerMehrheit von Personen ist für die Tätigkeit maßgebend, die in der kapi-talistischen Unternehmung entfaltet wird, sondern lediglich die Verwertungdes Kapitals. Damit ist die Beschränktheit des Zwecks überwunden. Indeman die Stelle der Fürsorge für die »Nahrung« die Verwertung des Kapitalstritt, tritt ein abstrakter und damit unbegrenzter Zweck an Stelle des früherenbegrenzten. In dieser Unbegrenztheit des Zwecks der kapitalistischen Unter-nehmung liegt nach Sombart ihre fundamentale Eigenart. Das Kapital wirktin ihr nicht nur wie ein Automat, sondern wie ein Moloch, der durch seineNatur getrieben wird, alles zu verschlingen. An diese elementare Einsichtist nach Sombart jedes Verständnis für kapitalistische Organisation gebunden.

Aus dem Vorstehenden ergibt sich, wie weit Sombart mit den wieder-gegebenen Gedanken des Aristoteles übereinstimmt und wo er von ihm ab-weicht. Er weicht ab, insofern dem Aristoteles der Handel seinem innerstenWesen nach der Bereicherungskunst dient, d. h. vom Streben nach unbe-grenztem Reichtum getragen ist, während nach Sombart der mittelalterlicheHandel nur Bedarfsbedeckungswirtschaft ist, und zwar nicht im Sinne desKleinhandels des Aristoteles, der vor Aufkommen des Geldes der Ergänzungder Eigenproduktion durch Umsatz eines Gebrauchsgutes gegen ein anderesdiente, sondern weil der mittelalterliche Kaufmann gleich dem Handwerker

nur nach »Nahrung« gestrebt habe. Er weicht ferner von Aristoteles ab,

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