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indem er nicht wie dieser das Streben nach unbegrenztem Reichtum alsAusfluß der Unendlichkeit des menschlichen Begehrens, sondern als Folgeder Verselbständigung des Sachvermögens in der kapitalistischen Unter-nehmung hinstellt. Beides ist falsch.
Als ein Hauptfehler Sombarts erscheint mir, daß er der kapitalistischen Wirtschaftsorganisation die handwerksmäßige gegenübergestellt hat. Das istein Verstoß nicht minder gegen die Logik wie gegen die Geschichte. Dennnicht nur daß das, was dem Kapitalismus vorausgegangen ist, im Altertumwie im Mittelalter, nicht etwa die handwerksmäßige Wirtschaftsorganisation,sondern die Naturalwirtschaft und die daraus hervorgegangene feudale Wirt-schaftsorganisation gewesen ist, es verstößt diese Unterscheidung gegen dielogische Forderung, daß man bei einer Klassifikation der Erscheinungenstets nur von einem und demselben Standpunkt ausgehe. Ich kann dieWirtschaftsorganisation einteilen, indem ich vom Standpunkt der darinHerrschenden ausgehe, oder indem ich sie vom Standpunkt derer betrachte,die ihr als Abhängige angehören; allein ich darf nicht die Wirtschafts-organisation der Abhängigen der einen Epoche derjenigen der Herren einerandern Epoche gegenüberstellen. Das Handwerk hat sich im Altertum wieim Mittelalter in der Zeit des erwachenden Kapitalismus nicht in einerführenden, sondern in einer durchaus untergeordneten Stellung im Wirt-schaftsleben befunden. 1 ) Der Handwerker ist noch ganz überwiegend einMinderberechtigter gewesen, teils gebunden durch die Grundherrschaft, teilsin Abhängigkeit von den in den Städten herrschenden Geschlechtern. DieHerren, deren Willen die Wirtschaftsorganisation beherrschte, waren ganzüberwiegend die Grundherren, und daneben nur erst schwach die neu auf-kommenden Herren, die über das Kapital verfügenden Kaufleute. 2 ) Nichtzum Handwerk ist der entstehende Kapitalismus in Gegensatz getreten, —das Handwerk befand sich vorher wie nachher in der Rolle des Abhängigen —
') Für das germanische Mittelalter vgl. HadrianusValesius in seinem Com-mentar zu dem Gedichte des Bischofs Adalbero von Laon in Rerum Gallicarum etFrancicarum Scriptores T. X, Paris 1760, pp. 94, 97. Vgl. ferner L. Garreau, L’ötatsocial de la France au temps des croisades, Paris 1899, pp. 270 ff., 275: »Ainsidans les »Metiers«, les bourgeois se trouvent tributaires et justiciables de simplesmembres de la population souveraine«.
2 ) In Paris sind es im 12. Jahrhundert die Mercatores hansati aquae Parisii,die allein unter allen Bürgern ein Lehen vom König haben, la maitrise des crieriesde Paris ; sie sind Königsvasallen, nahezu Adlige; vgl. Garreau, a. a. O. p. 303.Die untergeordnete Stellung der Handwerker zur Zeit der Geschlechterherrschaftist bekannt.