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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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griechischen Kaufleuten findet, weitergebildet, ein Monopol für den Verkehrmit den von ihm unterworfenen Städten, das Vorbild des späteren Kolonial-systems.

Außerdem gab es zwei Arten von italienischen Kolonien. Die einendienten als Stützpunkte des Handels der italienischen Städte mit Griechenund Mohamedanern in Europa, Asien und Afrika ; sie dienten dem Eintauschvon Waren, wie sie von den Kaufleuten der betreffenden Länder freiwilliggeboten wurden. Die anderen waren Pflanzungskolonien, in denen teils miterzwungener, teils mit freier Arbeit die Produkte hergestellt wurden, die derHandel weiter vertrieb.

Hier kommen wir zu Sombarts Neuerung, welche die italienischenHandelsniederlassungen als Zwingburgen zur Ausbeutung einer feindlichenBevölkerung erscheinen läßt. Sie setzt voraus, daß die Bewohner Syriens und Palästinas widerstandsunfähige Völker gewesen seien; von den kultur-überlegenen Bewohnern der italienischen Städte seien sie durch Übertölpelungund Zwang »ausgepowert« worden. Es standen den Italienern aber wederIndianer, noch Neger, noch Malayen gegenüber, sondern Griechen und Araber,deren Kultur der des damaligen Italien überlegen war. Sombart hebt diessogar selbst hervor, indem er den blühenden Zustand der seit einem halbenJahrtausend unter arabischer Herrschaft stehenden Gebiete Palästina undSyrien schildert. 1 ) Außerdem: die Amalfitaner 2 ) und die Venezianer 3 ) habenschon vor den Kreuzzügen Handelsniederlassungen im Gebiete der späterenKreuzfahrerstaaten gehabt. Wären sie Zwingburgen gewesen, um die Ein-geborenen dem doux. commerce geneigter zu machen, so hätten die tatkräf-tigen mohamedanischen Beherrscher jener Gegenden sie sicher nicht geduldet.Da sie trotzdem bestanden und Amalfitaner und Venezianer, großen Wertauf sie legten, muß deren Handel, auch ohne auf Übertölpelung und Zwangzu beruhen, für sie wohl gewinnbringend gewesen sein. Dasselbe beweisendie zahlreichen Handelsbeziehungen, Handelsniederlassungen, Handelsverträgemit Magreb . 4 ) Und darauf geht auch schon das besprochene Streben Ve-

') Der moderne Kapitalismus I, 334 ff.

2 ) Muratori, De mercatibus et mercatura saeculorum rudium, Antiqu. med.aevi II. Heyd a. a. O. I 114120, 162.

3 ) Assises de Jerusalem t. II, Paris 1843. Introduction par M. le Comtede Beugnot p. XXI. Eben mit Rücksicht auf diese ihre Handelsniederlassungensind die Venezianer den Kreuzzügen zuerst sehr ablehnend gegenübergestanden.

4 ) Vgl. L. de Mas Latrie, Trait^s de paix et de commerce et documentsdivers concernant Ies relations des Chretiens avec les Arabes de lAfrique septen-trionale au moyen äge. Paris 1866.

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