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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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Also die Zuteilung eines Stadtviertels an die Bürger und italienischenStädte bedeutete in den Kreuzfahrerstaaten die Verleihung einer Nieder-lassung zu voller Souveränität. Damit das Recht praktisch gewährleistetsei, erhalten sie alles, was zu ihrer tatsächlichen Unabhängigkeit in kirch-licher, hygienischer und ökonomischer Hinsicht nötig ist. Sie erhalten dasRecht, alle Einrichtungen in ihrer Niederlassung zu treffen, wie sie zumHandelsbetrieb nötig, ferner eigene Gerichtsbarkeit, Sicherheit des Besitzesund Erbes, Freiheit vom Strandrecht, oft auch noch Zollfreiheit.

So groß war die Bedeutung dieser Freiheiten für den Handelsbetrieb,daß nach dem Zusammenbruch der Kreuzfahrerstaaten die italienischen Com-munen zwar nicht alle ihre Besitzungen und Rechte behalten haben, abersofort mit den Mohamedanern neue Handelsverträge abschlossen, um sichdie wuchtigsten zu erhalten. Die siegreichen Mohamedaner würden sich wohlschwerlich zu solchen Verträgen herbeigelassen haben, v f enn diese nicht auchfür sie vorteilhaft gewesen, wenn ihre Untertanen dadurch »ausgepowert«worden wären. Und auch heute noch haben wir' in asiatischen Ländernsolche exterritoriale Niederlassungen im Interesse unseres Handels, ohne daßjemand je eingefallen wäre, sie als Zwingburgen anzusehen, um die Einge-bornen jener Länder, wie Sombart sich ausdrückt, dem doux commercegeneigter zu machen.

Anders verhält es sich mit den Pflanzungskolonien der Italiener. Sie beruhten auf Eroberung, sei es der italienischen Städte selbst, sei eseinzelner ihrer Bürger, wrnlche dann das eroberte Gebiet unter den Schutzihrer Vaterstadt stellten.

Der Ausgangspunkt für diese Art von Kolonien war der vierte Kreuz-zug. Ich habe im II. Exkurse erzählt, daß Venedig dem Markgrafen vonMontferrat die diesem nach der Eroberung von Konstantinopel zugefalleneInsel Kreta oder Candia, wie sie schon damals genannt wmrde, im Jahre 1204abgekauft hat. 1 ) Aber das Abgekaufte war erst zu erobern. 2 ) In den 160Jahren nach der Okkupation der Insel w r aren nicht weniger als 14 großeAufstände zu bewältigen, bis die Venezianer ihrer wirklich Herr wurden.Erst dann war ihre Herrschaft gesichert. Sie sandten nun Adelige und Pa-trizier auf die Insel, um sie in Besitz zu nehmen. Die Insel wurde in

") Vgl. auch Fontes Austr. XII 512 ff.

2 ) Über die Herrschaft der Venezianer in Kreta und ihre Rückwirkung aufVenedig vgl. die von großer Einsicht zeugende Darstellung Leos im 3. Bande seinerGeschichte der italienischen Staaten und Wilh. Heyd, Geschichte des Levantehandelsim Mittelalter I 308.