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In ähnlichem Verhältnis wie die Privateroberungen der venezianischenNobili zu Venedig, standen die der genuesischen zu Genua. 1 ) So wurde dieStadt Phokäa in Kleinasien und die davor liegende Insel Chios eine Privat-herrschaft zuerst des Genuesen Zaccaria, dann der Vignosi, schließlich derGiustiniani. Die Alaungruben von Phokäa und die Mastixpflanzungen vonChios brachten ihnen großen Gewinn unter genuesischer Oberhoheit. Auchhier wächst wie in Kreta aus dem feudalen gutsherrlich-bäuerlichen Ver-hältnis die Plantagen Wirtschaft hervor.
Dasselbe gilt für die Insel Cypern. 2 ) Richard Löwenherz hatte sie imMai 1191 erobert und, nachdem er dort eine Beute gemacht, welche diePhantasie der Zeitgenossen mit den Schätzen des Krösus verglichen hat, andie Templer verkauft. Diese hausten derart, daß sie alsbald einen großenAufstand hervorriefen. Sie behandelten die Insel wie ein großes Landgutund die Einwohner als Tributpflichtige und Hörige. Den Aufstand schlugensie nieder, verkauften aber im Bewußtsein, sich danach nicht halten zu können,die Insel an den letzten König von Jerusalem, Guy von Lusignan, dafür,daß dieser in ihren Vertrag mit Richard eintrat. Das dazu nötige Geldstreckten ihm in Tripolis weilende genuesische Kaufleute vor. Der Königvon Cypern rief nun fränkische Ritter ins Land, welche er mit Ländereienbelehnte. Die Bauern, die bis dahin den Griechen gefrondet, mußten nunden Franken fronden. Mit ihren Arbeitsleistungen betrieb man Weinbauund Zuckerplantagen.
Außerdem aber befand sich eine Fülle von griechischen und abend-ländischen Kaufleuten im Land. Die Lage der Insel war für den Handelmit Asien äußerst günstig gelegen, namentlich Famagusta , gerade gegenüberAccon. Diese Lage wurde für den abendländischen Handel um so bedeut-samer, als die Kreuzfahrerstaaten, einer nach dem anderen, verschwanden.Es ist nun charakteristisch, 3 ) daß die siegreichen Mohamedaner die Italiener,
0 v g*- W. Heyd, a. a. O. I 482, 507—509, 538 ff., 549.
2 ) Für die Geschichte des Übergangs von der alten Feudalwirtschaft zur Geld-wirtschaft und das Aufleben des Handels im Gefolge der Kreuzzüge ist Cypern vonbesonderer Wichtigkeit. Vgl. darüber L. de Mas Latrie, Histoire de l’ile de Chypresous le regne des Princes de la maison de Lusignan. Der 1. Band Paris 1861 gibtdie Darstellung der Geschichte von 1191 —1291, Band II, Paris 1852, und Band III,Paris 1854, geben Quellenauszüge von 1191 —1671.
3 ) Es ist dies auch eine weitere Illustration der Unhaltbarkeit von SombartsAufstellung, daß die Ansiedlungen der italienischen Städte in Kleinasien Zwing-burgen gewesen seien, um die einheimische Bevölkerung dem doux commerce ge-neigter zu machen.
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