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wenn auch nicht in allen ihren Besitzungen und Freiheiten erhielten, so dochihnen so viele ließen, und neu verliehen, daß sie ihren Handel weiter ge-winnbringend betreiben konnten.
Aber trotzdem war es für die abendländischen Kaufleute von Vorteil,nach dem Scheitern der Kreuzzüge noch Stützpunkte für ihren Handel aufchristlichem Boden zu haben, und so kam der Verlust der abendländischenBesitzungen dem Handel auf Cypern und auch auf Candia sehr zu gut, ganzbesonders dem ersteren. Hier mündeten alle Handelstraßen, sowohl die vonChina und Indien über Bagdad, als auch die über Arabien und Ägypten .Wie gewinnbringend der Handel für die dortigen Kaufleute gewesen, mögenwir aus dem entnehmen, was der westfälische Pfarrer Ludolph in seinerBeschreibung der Reise in das heilige Land vom Jahre 1350 von Famagustaerzählt 1 ): »Diese Stadt ist die reichste und ihre Bürger sind die reichstenvon allen. Als ein Bürger dieser Stadt seine Tochter verheiratete, gab erihr solche Kleinodien als Kopfschmuck, daß die mit uns kommenden fran-zösischen Ritter sie als wertvoller als den ganzen Schmuck schätzten, dendie Königin von Frankreich besaß. Ein Kaufmann dieser Stadt verkauftedem Sultan einen goldenen Reichsapfel, der mit vier kostbaren Juwelen ge-schmückt war, mit einem Karfunkel, einem Smaragd, einem Saphir und einerPerle, für 60000 Gulden; er wollte den Apfel darauf für 100000 Guldenzurückkaufen, was abgelehnt wurde.« Und andere Beispiele mehr. DieGewürze seien dort so gewöhnlich, wie in seiner Heimat das Brot, und wenner von den Juwelen, die es da gebe, sprechen würde, würde man es ihmnicht glauben. Die galanten Damen in Famagusta seien sehr reich; es gäbesolche, die mehr als 100000 Gulden besäßen, 2 ) was auf einen allerdings starkentwickelten Kapitalismus, zwar nicht, wie Sombart neuerdings will, 3 ) als
*) L. de Mas Latrie, a. a. O. II 213 ff.
2 ) »In hac civitate degunt infinitae meretrices ditissimae, quarum quaedamplus quam centum mille florenos habentes; de quarum diviciis dicere non ausussum.« De Mas Latrie a. a. O. II 214.
3 ) Werner Sombart, Luxus und Kapitalismus, München und Leipzig, 1913.Auf S. 77 bezeichnet der Verfasser selbst als den »Grundgedanken« seines Buchs,»inwiefern die Frau, zumal die von Unrechtswegen geliebte Frau, wir können auchsagen: das Weibchen, Anteil an der Ausgestaltung des äußeren Lebens in unsererEpoche genommen hat« und auf S. 206 schreibt er: »So zeugte der Luxus, derselbst, wie wir sahen ein legitimes Kind der illegitimen Liebe war, den Kapitalismus« .Danach erscheint also als wesentliche Ursache des Strebens nach unbegrenztem Ge-winn das Verlangen nach dem »Weibchen« und damit Sombarts Lehre, wonach dasunbegrenzte Streben nach Gewinn der Ausfluß der Verselbständigung des Sachver-mögens in der kapitalistischen Unternehmung sein soll, als tatsächlich preisgegeben;