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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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zu bringen. Je größer die Anzahl Menschen, über die einer verfügte, destogrößer sein Ansehen, seine Macht über Andere. So war es sowohl bei denalten römischen Patriziern, wie bei den germanischen Großen, die nach mög-lichst großer Gefolgschaft strebten.

Dann als zwar das Land noch gemein, aber Viehbesitz nötig war, umes zu nützen, war das Streben nach Viehbesitz das Allbeherrschende. Weres besaß, lieh es an Andere aus gegen Abgaben und Dienste, und je größerseine Viehzahl, desto größer die Zahl der von ihm Abhängigen, desto größersein Ansehen und seine Macht. Derartige Zustände zeigen die Brehon Lawsfür die Kelten in Irland , und nach dem, was wir dort finden, können wirschließen, daß die Zustände der Kelten in Gallien die gleichen waren, alsCaesar dahin kam. 1 )

Dann, als das Land in Sondereigentum übergegangen war, richtete sichdas Verlangen der Mächtigen nach immer mehr Landbesitz. Denn wer Landbesaß, hatte das Mittel, um Andere in Abhängigkeit von sich zu bringen;und je größer sein Landbesitz, um so größer die Zahl seiner Anhänger, umso größer sein Ansehen und seine Macht. Das gilt für die weltlichen wiefür die geistlichen Grundherren. Beweis die wilde Anarchie, die unter denMerowingern wie unter den schwachen Nachfolgern Karls des Großen darausentstand, daß jeder Grundherr von der Krone möglichst viel an sich zubringen und Einer dem Anderen seinen Besitz zu entreissen suchte. Beweisdie heftigen Klagen der spanischen Konzilien des 6. und 7. Jahrhundertsüber die unbegrenzte Habsucht, die dazu führe, Kirchen als Kapitalanlagenzu bauen, und die Bischöfe veranlasse, sich das anzueignen, was für dieKirchen gestiftet sei, 2 ) und die Strafpredigt, die Karl der Große 811 auf derSynode von Aachen an die Geistlichkeit gerichtet hat. 3 ) Und genau so war

J ) Vgl. die diesbezüglichen Ausführungen in meiner Schrift »Über Anerben-recht und Grundeigentum«, Berlin 1895, S. 17, 18, und das oben S. 16 in An-merkung 3 Gesagte.

2 ) So spricht die Synode von Braga im Jahre 572 sogar von Personen, welcheKirchen aus Spekulation bauen, um die Hälfte der dort gespendeten Opfer zu be-ziehen (Concilia generalia et provincialia. Coloniae Agripp. 1606 T. II, 665) unddie von Toledo im Jahre 646 von den Klagen der Pfarrgeistlichkeit von Galizien über ihre Bischöfe, welche aus Habsucht pene usque ad exaustionem extremae vir-tutis das an sich nähmen, was für die Kirchen gestiftet sei. Vgl. ebenda p. 1043.

3 ) Inquirendum etiam, si ille seculum dimissum habeat, qui cotidie possessionessuas augere quolibet modo, qualibet arte, non cessat, suadendo de coelestis regnibeatitudine, comminendo de aeterno supplicio inferni, et sub nomine Dei aut cujus-libet sancti tarn divitem quam pauperem, qui simpliciores naturae sunt, et minusdocti atque cauti iuveniuntur, si rebus suis expoliant, et legitimos heredes eorum

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