ewige Leben möge haben, hat Jesus geantwortet: »Willst du vollkommensein, so gehe hin, verkaufe was du hast und gibs den Armen, so wirst dueinen Schatz im Himmel haben«. »Da das seine Jünger hörten«, heißt esweiter, »entsetzten sie sich sehr und sprachen: Ja, wer kann da selig werden?«Daher die Unterscheidung der katholischen Kirche zwischen Gebot, durchwelches eine für Alle ausnahmslos verbindliche Pflicht begründet wird, undRat, der sich nur an die wendet, welche nach Vollkommenheit streben. FürAlle ohne Unterschied galt, was Paulus an Timotheus geschrieben: »Wennwir Nahrung und Kleidung haben, so lasset uns genügen . . . denn die Er-werbsgier (cupiditas übersetzt die Vulgata ) ist die Wurzel alles Übels.« Daschristliche Ideal aber wurde die Weltflucht. »Lossagung - vom Materiellen,Unterdrückung des Sinnlichen, Zurückziehung des Geistes in sein eigenesSelbst erschien als die höchste Aufgabe des sittlichen Strebens, Entsagungdem Irdischen und allem Eigentum als die höchste Vollendung.«')
Erscheint aber die Erwerbsgier als die Wurzel alles Übels, so war esfolgerichtig, den Handel zu verurteilen; denn der Plandel erschien von An-fang an als der Träger des verpönten Strebens nach dem größtmöglichenGewinn; seiner innersten Natur nach strebt er danach, möglichst billig zukaufen und möglichst teuer wieder zu verkaufen. Daher denn die Handels-feindlichkeit des christlichen Altertums. * 2 3 )
Ich habe in meiner Rektoratsrede über »Ethik und Volkswirtschaft inder Geschichte« dargetan, daß diese Lehre vom Seinsollenden sich nicht hatdurchsetzen können, weil sie zu sehr sowohl der menschlichen Natur als auchden Bedingungen, unter denen die Menschen zu wirken hatten, widerspracht)
J ) So sagte ich in meiner Rektoratsrede am 23. November 1901 über »Ethikund Volkswirtschaft in der Geschichte«. In der Ausgabe von Ernst Reinhardt,München 1902, S. 5.
2 ) Vergleiche meine Rektoratsrede S. 6; dazu meine Abhandlung »Die wirt-schaftlichen Lehren des christlichen Altertums«, Sitzungsberichte der philos.-philol.und historischen Klasse der K. Bayer. Akademie der Wissenschaften 1902, Heft II,S. 160—179.
3 ) Ernst Troeltsch, Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen,Tübingen 1912, S. 51, Anmerkung 31, hat über meine Rede und die daran an-knüpfende Abhandlung geschrieben: »Brentanos Darstellung entbehrt jeder Vertraut-heit mit dem Geist der alten Kirche, will ja auch nur die Unbrauchbarkeit deraltchristlichen Ideen für eine liberale kapitalistische Wirtschaftspolitik dartun, woranohnedies nicht zu zweifeln war.« Nun gilt wohl auch vom »Geist der alten Kirche«,was Faust von »der Herren eigenem Geiste« sagt, »in dem die Zeiten sich be-spiegeln«. Der einzige Beleg, den Tröltsch für meine mangelnde Vertrautheit mitdem »Geiste der alten Kirche« anführt, ist daß auch aus den von mir angeführten