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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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119
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Ich habe darauf verwiesen, wie sogar die Kirche selbst immer mehr ins Irdischeverstrickt worden ist, wie sie ihr Streben nach ungemessenem Güterbesitzzum größten Eigentümer gemacht hat und wie der schnelle Verfall der kirch-lichen Armenpflege zeigt, daß sie ihren Besitz keineswegs in strenger Be-folgung ihrer Eigentumslehre verwaltet hat. Als Folge hat, wie ich aus-geführt habe, die von der Kirche verlassene Entsagung sich in die Klöstergeflüchtet. Allein auch da hat der Widerspruch der dargelegten ethischen

Stellen der Kirchenväter hervorgehe, »daß die kommunistisch-sozialistischen Äuße-rungen der Kirchenlehrer erst in der nachkonstantinischen Zeit stark hervortreten«.Darauf ist aber dem gelehrten Kirchenhistoriker zu erwidern, daß dies keineswegszutrifft. Clemens von Alexandrien, den ich auf S. 150 und 151 meiner Akademie-Abhandlung zitiere, hat geschrieben: »Alles ist also gemeinsam und die Reichensollen nicht mehr haben wollen als Andere« . . . »Seinem (d. h. Gottes) Willen nachmuß der Genuß gemeinsam sein. Eis ist nicht in der Ordnung, daß Einer im Über-fluß sitzt, während Mehrere darben«. Clemens ist aber um 160 geboren und um220 gestorben. Desgleichen schrieb der von mir ebenda zitierte Cyprian (geborenum 200, gest. 258) unter Berufung auf die Apostelgeschichte von den Gläubigenzur Zeit der Apostel: »es herrschte unter ihnen kein Unterschied, und sie hieltenkeines der Güter, die sie besaßen, für ihr Eigentum, sondern alles war ihnen ge-mein« und nach einigen weiteren Sätzen fährt er fort: »Denn alles, was Gottes ist,ist uns, die wir es ursurpiert haben, zu gemeinsamem Gebrauche gegeben undNiemanden wird der Zutritt zu seinen Wohltaten und Vorteilen verwehrt, auf daßdas ganze Menschengeschlecht der göttlichen Güte und Freigebigkeit in gleichemMaße genieße. So leuchtet der Tag, strahlt die Sonne, feuchtet der Regen, wehtder Wind gleichmäßig; die Schlafenden haben einen Schlaf und gemeinsam ist derSterne und des Mondes Glanz. Der Besitzer, welcher auf Erden nach diesem Musterder Gleichheit seine Einkünfte und Früchte mit der Brüdergemeinde teilt, indem erbei seinen freiwilligen Spenden allen mitteilt und Gerechtigkeit übt, ahmt Gott denVater nach«. Das aber sind die ältesten Kirchenväter! Was Troeltsch dannweiter quasi wohlwollend und überlegen zur Beschönigung meiner angeblich falschenAuffassung des »Geistes der alten Kirche« sagt, zeigt ein Mißverständnis meinesGeistes, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Von liberaler kapitalistischerWirtschaftspolitik ist in meinen beiden Abhandlungen weder die Rede, noch habeich daran auch nur gedacht. Was ich in der Rektoratsrede wollte, zieht sich wieein roter Faden deutlich von der ersten Seite bis zur letzten: nämlich warnen,mit sittlichen Werturteilen an das Studium des Wirtschaftslebens heranzutreten. Ander Hand der Geschichte wollte ich dartun: »Wie die Erscheinungen der Natur,so sind auch die Ordnung im Wirtschaftsleben und die Änderungen in demselben,welche die Bedingungen, unter denen die Menschen leben, und deren natürlicheEntwicklung mit sich bringen, Ausfluß jener Vernunft, welche das Weltganze be-herrscht«. Vorgefaßte ethische Urteile seien daher Hemmnisse der Erkenntnis.Aber während ich der Ansicht bin und dafür auch Belege beigebracht habe, daßdie ethische Beurteilung durch die Wirtschaftsentwicklung bestimmt wird, nicht abersie bestimmt, scheint Troeltsch der umgekehrten Anschauung zu huldigen; das hatvielleicht sein Verständnis dessen, was ich gewollt habe, beeinträchtigt.