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Postulate mit der Natur des Menschen die unvermeidlichen Folgen gezeitigt:auf eine kurze Blütezeit des Ideals folgte allenthalben eine lange Zeit desVerfalls. Daher die Notwendigkeit fortwährender Erneuerung der Orden,deren Wirkung doch nur kurze Zeit vorhielt, worauf wieder neue Anläufenotwendig wurden, sie zu ihrem Anfang zurückzuführen. Ich habe dargelegt,wie die wirtschaftliche Entwicklung zu einer bemerkenswerten Milderungder ursprünglichen Strenge der kirchlichen Lehre geführt hat. Nicht als obder Kampf gegen das Streben nach dem größtmöglichen Gewinne aufgegebenworden wäre; die Kirche predigt nach wie vor die Entsagung als das Ideal.Aber die praktische Richtung behielt die Oberhand, und angesichts desunerhörten Aufschwungs, den der Handel im Gefolge der Kreuzzüge ge-nommen, hat sich insbesondere auch die Stellung der Kirche gegenüber demHandel geändert. Bei Thomas von Aquin ein entschiedenes Suchen nacheinem Kompromiß mit dem .Leben. An sich, lehrt er, haftet dem Handelzwar ein gewisser Makel an, insofern sein Ziel der Gewinn ist; aber derGewinn läßt sich mit einem notwendigen oder ehrenvollen Ziele verbinden,so, wenn einer einen mäßigen Gewinn, den er durch Llandel erwirbt, zumUnterhalt seines Hauses oder zur Unterstützung der Dürftigen bestimmt oderauch wenn jemand Handel treibt wegen seines öffentlichen Nutzens, damitdie notwendigen Güter nicht seinem Vaterlande fehlen, und er den Gewinnanstrebt, nicht um seiner selbst willen, sondern als Lohn seiner Arbeit. Mitder Anerkennung der Erhaltung des Hauses aus dem Handelsgewinn alseines der ehrenvollen oder notwendigen Ziele des Handels war der Auswegzur Erkenntnis dessen, wozu die wirtschaftliche Entwicklung geführt hatte,gegeben. Allerdings hat Thomas nur einen mäßigen Gewinn, der nicht umseiner selbst willen, sondern als Lohn der auf den Handelsbetrieb verwendetenArbeit erstrebt wird, gebilligt; aber die Fortentwicklung, welche die Lehrevom gerechten Preis fand, hat das Tor eröffnet, durch welches tatsächlichdie Berechtigung jedweden Gewinns ihren Einzug halten konnte. Als ge-rechter Preis gilt Thomas und der Scholastik der den Beschaffungskostenentsprechende Preis und die Beschaffungskosten werden wesentlich durchdas bedingt, was zum Lebensunterhalt des Arbeitenden nötig ist. Im Mittel-alter aber war die Gesellschaft ständisch gegliedert, und das Recht desStandes, dem Einer angehörte, bestimmte die einem Jeden zustehende Lebens-haltung, diese das Maß dessen, was zum Unterhalt seines Hauses nötig war,und dieses die Größe des ihm erlaubten Gewinns. Es kam also nur auf denden Großhändlern zuerkannten Rang an — man denke an die vielfach fürst-liche Stellung vieler mittelalterlicher Kaufleute, namentlich in den italienischenStädterepubliken —, um jedweden Handelsgewinn eines venezianischen