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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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ergreifen erfolgt. Und vor allem: die Nützlichkeit eines Berufs und seineentsprechende Gottwohlgefälligkeit richtet sich zwar in erster Linie nachsittlichen und demnächst nach Maßstäben der Wichtigkeit der darin zu pro-duzierenden Güter für die »Gesamtheit«, aber alsdann folgt als dritter undnatürlich praktisch wichtigster Gesichtspunkt: die privatwirtschaftliche »Pro-fitlichkeit«. Denn wenn jener Gott, der die Puritaner in allen Fügungendes Lebens wirksam sieht, einem der Seinigen eine Gewinnchance zeigt, sohat er seine Absichten dabei. Und mithin hat der gläubige Christ diesemRufe zu folgen, indem er sie sich zunutze macht. »Wenn Gott euch einenWeg zeigt, auf dem ihr ohne Schaden für eure Seele oder für Andere ingesetzmäßiger Weise mehr gewinnen könnt, als auf einem anderen Wegeund ihr dies zurückweist und den minder gewinnbringenden Weg verfolgt,dann kreuzt ihr einen der Zwecke eurer Berufung; ihr weigert euch, GottesVerwalter zu sein und seine Gaben anzunehmen, um sie für ihn gebrauchenzu können, wenn er es verlangen sollte. Nicht freilich für Zwecke derFleischeslust und Sünde, wohl aber für Gott dürft ihr arbeiten, um reich zusein.« Der Reichtum ist eben nur als Versuchung zu faulem Ausruhen undsündlichem Lebensgenuß bedenklich und das Streben danach nur dann,wenn es geschieht, um später sorglos und lustig leben zu können. AlsAusübung der Berufspflicht aber ist es sittlich nicht nur gestattet, sonderngeradezu geboten. Das Gleichnis vom Schalksknecht, der verworfen wurde,weil er mit dem von Gott ihm anvertrauten Pfunde nicht gewuchert hatte,schien das ja auch direkt auszusprechen. Arm sein wollen hieße, wiehäufig argumentiert wurde, dasselbe wie krank sein wollen; es wäre alsWerkheiligkeit verwerflich und Gottes Ruhm abträglich. Und vollends dasBetteln eines zur Arbeit Befähigten ist nicht nur als Trägheit sündlich, son-dern auch nach des Apostels Wort gegen die Nächstenliebe.«

Mit der Bekämpfung des Genusses und der Auffassung von Reichtums-erwerb durch Berufsarbeit als Segen Gottes, noch mehr aber mit der re-ligiösen Wertung der rastlosen Berufsarbeit als höchsten asketischen Mittelsund zugleich sicherster und sichtbarster Bewährung des wiedergeborenenMenschen und seiner Glaubensechtheit war der denkbar mächtigste Ffebelder Expansion jener Lebensauffassung gegeben, die als »Geist des Kapita-lismus« bezeichnet wird. Das Ergebnis der calvinistischen Weltanschauungmußte sein: Entfesselung des Erwerbstriebs und Einschnürung der Consum-tion: Kapitalbildung und immer weitere produktive Anlage des angesam-melten Kapitals. Das 17. Jahrhundert vermachte ihren utilitaristischen Erbenein pharisäisch gutes Gewissen beim Gelderwerb, wenn es sich nur in le-galen Formen vollzog. Jeder Rest des Deo placere non potest ist ver-

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