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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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Der Calvinismus ist, wie Max Weber hervorhebt, die bedeutendste,aber nicht die einzige Richtung des Protestantismus, die eine solche metho-disch-gepflegte und kontrollierte, d. h. asketische Lebensführung vorschreibt;sie findet sich auch im Pietismus , Methodismus und Baptismus. Die unbe-dingte Herrschaft über das eigene Selbst ist das höchste Ziel des Puritanismus.In dem Erfolg der Arbeit sieht dieser den Beweis, daß der Einzelne auserwähltsei und in rastloser und erfolgreicher Berufsarbeit trachtet er die Selbst-gewißheit des Erwähltseins stets neu zu erwerben.

Weber bezeichnet Richard Baxters »Christian Directory« als das um-fassendste Kompendium der puritanischen Moraltheologie. Darin findet sich,wie Weber selbst betont, allerdings die schärfste Warnung gegen jedesStreben nach Erwerb zeitlicher Güter. Aber, meint Weber, bei näheremZusehen bemerke man den entscheidenden ethischen Sinn und Zusammen-hang, in dem diese Warnung gemeint sei. Das sittlich wirklich Verwerflichesei für Baxter nämlich das Ausruhen auf dem Besitz, der Genuß desReichtums mit seiner Konsequenz von Mäßigkeit und Fleischeslust, vorallem von Ablenkung von dem Streben nach dem heiligen Leben. Und nurweil der Besitz die Gefahr dieses Ausruhens mit sich bringe, erachte Baxterihn für bedenklich. Denn die »ewige Ruhe der Heiligen« liege im Jenseits;auf Erden aber müsse auch der Mensch, um seines Gnadenstands sicher zuwerden, »wirken die Werke dessen, der ihn gesandt hat, so lange es Tag ist«.Nicht Muße und Genuß, sondern nur Handeln diene nach dem unzwei-deutig geoffenbarten Willen Gottes zur Mehrung seines Ruhms. Zeitver-geudung durch Faulheit, Geselligkeit, Luxus, übermäßigen Schlaf und un-tätige Contemplation auf Kosten der Berufsarbeit sei die erste und schwersteSünde. Auch der Reiche dürfe nicht essen, ohne zu arbeiten. Aber »nichtArbeit an sich« schreibt Weber, 1 ) sondern rationale Berufsarbeit ist das vonGott verlangte. Auf diesem methodischen Charakter der Berufsaskese liegtbei der puritanischen Berufsidee stets der Nachdruck, nicht, wie bei Luther,auf dem Sichbescheiden mit dem einmal von Gott zugemessenen Los. Daherwird nicht nur die Frage, ob jemand mehrere »callings« kombinieren dürfe,unbedingt bejaht, wenn es für das allgemeine Wohl oder das eigene zuträg-lich und niemanden sonst abträglich ist und wenn es auch nicht dazu führt,daß man in einem der kombinierten Berufe ungewissenhaft wird, sondernes wird auch der Wechsel des Berufs als keineswegs an sich verwerflichangesehen, wenn er nicht leichtfertig, sondern um einen Gott wohlgefälligeren,und das heißt dem allgemeinen Prinzip entsprechend: nützlicheren Beruf zu

J ) Archiv für Sozialwissenschaft etc. XXI, S. 84 87.