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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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wortet. Nach ihm gibt nichts diese Gewißheit. Dabei haben Calvins Epi-gonen sich aber nicht beruhigt. Sie verlangten nach einem sicheren Kenn-zeichen, daß sie zu den Erwählten gehörten. Zu dieser Sicherheit gehörtevor Allem, daß man nicht selbst an dieser Zugehörigkeit zweifelte; dennmangelnde Selbstgewißheit sei die Folge unzulänglichen Glaubens, also un-zulänglicher Gnade. Um diese Selbstgewißheit zu erlangen, bedarf es nachihrer Lehre rastloser Berufsarbeit, denn sie verscheucht die religiösen Zweifelund gibt Sicherheit des Gnadenstands. Sodann muß sich die Wirkung desGlaubens in einer Lebensführung äußern, die zur Mehrung von Gottes Ruhmdient. So ungeeignet gute Werke sind als Mittel zur Erlangung der Selig-keit, so unentbehrlich sind sie als Zeichen der Erwählung.

Die Folge dieser Auffassung war der der reformierten Frömmigkeiteigentümliche asketische Zug. Die reformierte Askese hat Eines mit derkatholischen gemein: die Rationalisierung des Lebens. Bei Beiden wirdjede einzelne Handlung auf das jenseitige Leben bezogen; bei beiden mußder Gläubige sich fortwährend Rechenschaft geben, ob das, was er tut, nichtseine Seligkeit im Jenseits gefährdet. Beide arbeiten daran, den Menschenin Stand zu setzen, den Status naturae zu überwinden, ihn der Macht derirrationalen 1 ) Triebe und der Abhängigkeit von Welt und Natur zu entziehen,der Suprematie des planvollen Wollens zu unterwerfen, seine Handlungenunter beständige Selbstkontrolle zu stellen. Aber abgesehen davon, daß nachkatholischer Lehre die Heiligkeit des Lebens ein Realgrund, nach reformierterLehre ein Erkenntnisgrund des Gnadenstands ist, besteht der gewichtigeUnterschied zwischen beiden: die katholische Askese betätigt sich durchWeltflucht, die reformierte durch Tätigkeit in der Welt. Ferner wird diekalvinistische Askese nicht bloß denen zugemutet, die vollkommen werden,sondern Allen, die ihrer Seligkeit gewiß sein wollen.- Sie gipfelt in derBerufsidee. Das Alltagsleben ward durch sie rationalisiert.

') Hier bei Weber ein Widerspruch. An einer Stelle (Archiv f. Sozialwiss.etc. XX, 16) schreibt er von der »Ethik«, die er Benjamin Franklin und dem Puri-tanismus zuschreibt: ihr »summum bonum« sei »der Erwerb von Geld und immermehr Geld, unter strengster Vermeidung alles unbefangenen Genießens, so gänzlichaller eudämonistischen oder gar hedonistischen Gesichtspunkte entkleidet, so rein alsSelbstzweck gedacht, daß es als etwas gegenüber dem »Glück« oder dem »Nutzen«des einzelnen Individuums jedenfalls gänzlich Transzendentes und schlechthin Ir-rationales erscheint.« Dagegen setzt nach seinen Ausführungen, welche Ähnlich-keit und Unterschiede von katholischer und reformierter Askese darlegen (Archiv,XXI, 28 ff.) die Erziehung des Menschen zum Streben nach Geld und immer mehrGeld die Überwindung seiner »Status naturae« und der »irrationalen« Triebevoraus!