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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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Ich glaube, den Gedankengang von Max Weber , wenn auch in meinenWorten, im Folgenden richtig wiederzugeben.

Die christliche Lehre ging aus von einem Gegensatz zwischen dersündigen Welt und Gott. Sie predigte den Menschen die Entsagung demIrdischen, damit sie zum ewigen Leben gelangten. Sie tat dies in Geboten,welche an Alle sich wandten, und in Ratschlägen, welche an diejenigen sichwandten, welche einen ganz sicheren Weg gehen wollten. Den Ersterensagte sie: »Wenn wir Nahrung und Kleider haben, so lasset uns begnügen«und ferner: »Ein jeglicher bleibe in dem Beruf, darinnen er berufen ist«.Denen die nach Vollkommenheit strebten, empfahl sie die Weltflucht. Mitdieser Lehre hat der Protestantismus gebrochen. Er hat die katholischeUnterscheidung der Sittlichkeitsgebote in für Alle gültige Gebote und dennach Vollendung strebenden erteilte Ratschläge verworfen. Als das einzigeMittel, Gott wohlgefällig zu leben, erklärte er nicht eine Überbietung derinnerweltlichen Sittlichkeit durch mönchische Askese,' sondern ausschließlichdie Erfüllung der innerweltlichen Pflichten, wie sie sich aus der Lebens-stellung des Einzelnen ergeben, die dadurch eben sein »Beruf« wird. Es istin dieser Beziehung bezeichnend, daß sich sogar das Wort Beruf, englisch »calling«, zuerst in der Bibelübersetzung Luthers findet, und zwar als Aus-fluß des Geistes des Übersetzers, nicht desjenigen des Originals, währenddie lateinisch-katholischen Völker das Wort Beruf im Sinne von Lebens-stellung, von umgrenztem Arbeitsgebiete, nicht kennen.

Aber, lehrt Weber, wenn auch der Begriff des weltlichen Berufs mitdiesem religiösen Beigeschmack auf Luther zurückgeht, so doch nicht dieAuffassung des Erwerbs als Berufsarbeit. Sie war ihm ebenso fremd wieder katholischen Kirche . Luther ist noch durchaus Traditionalist. Das inPaulus Brief an Timotheus an Alle gerichtete Gebot: »Wenn wir Nahrungund Kleidung haben, lasset uns begnügen«, sowie die Stelle im Korinther-brief: »Ein jeglicher bleibe in dem Beruf, darinnen er berufen ist« ist fürihn noch ebenso maßgebend wie für die Lehre der katholischen Kirche .Daher bei den Lutheranern dieselbe traditionalistische Lebenshaltung wie beiden Katholiken. Anders bei Calvin. Er legt den Nachdruck auf die Er-wählung durch den Willen des allmächtigen Gottes, der zu seiner Ehreden Einen zur Seligkeit beruft, den Anderen verwirft. Das Moment derEhre Gottes ists, worauf nach Calvin Alles ankommt. Die ganze Welt istbestimmt zu seiner Verherrlichung. Sie ist auch die Aufgabe des Christen.Er erfüllt sie durch Tätigkeit in Welt und Gesellschaft.

Die nach dieser Lehre so folgenschwere Frage, woran der Einzelneerkennen könne, ob er zu den Erwählten gehöre, hat Calvin nicht beant-