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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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nicht davon ausgegangen, daß das Streben nach unbegrenztem Reichtumetwas Naturwidriges sei, und hatte den Reformatoren nur insofern einenAnteil an dessen Entfesselung zugeschrieben, als die Kritik, die nach ihrenLehren von jedem Einzelnen an den überkommenen Lehren selbst auf demheiligsten Gebiete an der Hand der Bibel fortan geübt werden sollte, not-wendig auf die Selbständigkeit des Einzelnen auf allen Gebieten zurück-wirken und damit auch zur Emanzipation des natürlichen Gewinnstrebensvon allen überkommenen Hemmungen führen mußte. Max Weber dagegenerachtet, ebenso wie Sombart, den kapitalistischen Geist, d. h. das Strebennach Gelderwerb um des Geldes willen, nach Geld als summum bonum, alsetwas gegenüber dem »Glück« oder dem »Nutzen« des Individuums schlecht-hin Irrationales, Unnatürliches. Nur durch eine besondere Disziplinierungdes triebhaften Menschen sei es hervorgerufen worden. Diese Disziplinierung also eigentlich eine Rationalisierung des Lebens zu einer irrationalenLebensführung habe die Rationalisierung des Lebens durch die calvinis-tische Berufsethik bewirkt, und wenn sich Weber auch ausdrücklich dagegenverwahrt, den Kapitalismus schlechthin aus dem Calvinismus ableiten zuwollen, wenn er auch zugibt, daß der kapitalistische Geschäftsbetrieb erheb-lich älter ist, und er nur feststellen wollte, ob und in wie weit religiöse Ein-flüsse bei der qualitativen Prägung und quantitativen Expansion des kapi-talistischen Geistes über die Welt mitbeteiligt gewesen sind, haben doch seinegelehrten und scharfsinnigen Nachweise, daß nach der Lehre der Puritaner,der Erfolg der Erwerbstätigkeit zeige, ob sich der Mensch im Zustand derGnade befinde, da der Erfolg nur dem zu Teil werde, der seiner Berufs-pflicht in majorem Dei gloriam lebe, die Vorstellung hervor gerufen, als obnach seiner Meinung die Anfänge des Kapitalismus vom Puritanismus da-tierten. Noch mehr freilich haben die Schriften derjenigen, die sich zu seinerLehre bekennen, diese Meinung erzeugt.

ersättlicher Erwerbsgier entflammt, sich auf die Bereicherung seines Vermögens ver-legte.« Nicht anders aber haben Ambrosius, Augustinus, Alcuin gesprochen. Beiihnen allen gilt das Streben nach ungemessenem Gewinn und das billig kaufen undteuer verkaufen als die Leidenschaft die alle Menschen beseelt; der Verzicht auf das,was das zum Leben Notwendige übersteigt, ist immer nur Sache philosophisch ge-stimmter oder derjenigen gewesen, die durch ihren Stand genötigt wurden, sich mitder »Nahrung« zu begnügen. Ebendeshalb ja die Mahnung des Paulus in seinemBrief an Timotheus I 6 und 8 als allgemein gültiges Gebot. Insbesondere aber warenim Mittelalter die Bewohner der italienischen Seestädte als auri cupidine caeci be-kannt (siehe oben S. 44 Anm.) und die Venezianer als gens pecuniae maxime cupida(siehe oben S. 72 Anm. 1).