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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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geschrieben, 1 ) worin er den Calvinismus noch in ganz anderer Weise, wieich es getan hatte, mit der Ausbreitung des Strebens nach dem größtenGewinn in Beziehung gesetzt hat. Ich bin ganz ebenso wie die gesamtechristliche Lehre, die wie sie die Unterwerfung der Natur unter das ihr ent-gegenstehende Sittengesetz fordert, so auch die Erwerbsgier bekämpft, 2 )

') Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik XX. und XXI. Band, 1904,1905. Die Arbeit hat in weiten Kreisen der Wissenschaft reichen Beifall gefunden.Aber auch ablehnende Kritik ist nicht ausgeblieben. Siehe insbesondere FelixRach fahl, Kalvinismus und Kapitalismus , in der Internationalen Wochenschrift fürWissenschaft, Kunst und Technik, 1909, No. 3943. Dagegen dann Max Weber ,Antikritisches zum »Geist« des Kapitalismus, im Archiv f. Socialwiss. etc. XXX. Band,1910 und Ernst Troeltsch , Die Kulturbedeutung des Calvinismus, in der genanntenInternationalen Wochenschrift, 1910, No. 15 und 16. Dagegen abermals Rachfah),Nochmals Kalvinismus und Kapitalismus , in No. 22 25 der Internationalen Wochen-schrift, 1910. Trotz der in Vielem sehr erheblichen Kritik Rachfahls ist die Zu-stimmung zur Weberschen These überwiegend geblieben.

2 ) Seit der Apostel Paulus die Erwerbsgier als die Wurzel alles Übels bezeichnet,hat die Kirche gegen die unersättliche Habsucht geeifert, nicht aber als gegen etwasNaturwidriges, sondern als gegen einen Ausfluß der seit dem Sündenfall sündhaftenNatur. So z. B. wenn Basilius in seiner Homilie gegen die Reichen schreibt (Migne,Patr. graeca XXXI, 293): »Allein du nennst dich arm. Ich gebe es zu; denn armist der, welcher Vieles bedarf. Daß ihr aber Vieles bedürfet, daran ist euere un-ersättliche Habsucht schuld. Zu den zehn Talenten willst du zehn andere fügen;sind es zwanzig, so suchst du ebenso viele andere, und der stete Zuwachs stilltdein Verlangen nicht, sondern entflammt deine Begierde. Gleichwie die Zugabe desWeins den Trunkenen Anlaß zum Trinken gibt, so verlangen auch die, welche erstreich geworden, obgleich sie vieles besitzen, nach Mehrerem, durch beständigesHinzufügen der Krankheit Nahrung gebend, und ihr Streben schlägt in das Gegen-teil um; denn das Gegenwärtige, obgleich es groß ist, freut sie nicht so sehr, alssie das Mangelnde schmerzt, das nämlich, wovon sie meinen, daß es ihnen fehlt,so daß sie stets von Sorgen gequält werden, weil sie nach Übermäßigem ringen .. .Die Hölle sagte nicht: »Es ist genug« (Sprüche 30, 16), noch sagte jemals der Hab-süchtige: »Es ist genug«. Wann wirst du das Gegenwärtige gebrauchen? Wannwirst du es genießen, da du stets durch die Mühen des Erwerbs gehindert wirst ? . . .Das Meer kennt seine Schranken, die Nacht überschreitet nicht die alte Grenzbe-stimmung. Der Habsüchtige aber scheut keine Zeit, kennt keine Schranken, weichtnicht der Ordnung der Nachfolge, sondern ahmt die Natur des Feuers nach: erergreift alles, er verzehrt alles« usw. Niemand, der diese lebenswahre Schilderungder unbegrenzten Erwerbsgier liest, wird auf den Gedanken kommen, der beredteKirchenvater habe in den mit unersättlicher Erwerbsgier Behafteten Menschen erblickt,welche erst künstlich zu diesem Streben diszipliniert worden seien; er bekämpftevielmehr in ihrer Erwerbsgier eine angeborene Leidenschaft ihrer seit dem Sünden-falle sündhaften Natur. Wie allgemein aber diese Erwerbsgier verbreitet war, zeigt,daß Cyprian , de Laps. IV, die Decianische Christenverfolgung als Strafe dafür hin-stellt, daß »Jeder sann auf Vermehrung des väterlichen Erbguts und . . . von un-