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Die Emanzipation auf christlicher Grundlage ist erfolgt im Gefolge derReformation. Die Reformatoren lehrten, daß der Mensch in die Welt gesetztsei, nicht damit er die Welt fliehe, sondern in der Welt Gott diene. Außer-dem hat sie jeden Einzelnen in seinem Verhältnis zu Gott auf sich gestellt.Die erstere Lehre trat in Widerspruch zu der bis dahin empfohlenen Los-sagung von allem Irdischen; das Eigentum an irdischen Gütern, das Strebennach ihrem Erwerb und nach Reichtum, sowie der Handel, weil naturnotwendig,erschienen als Bestandteile der von Gott gewollten Ordnung; ja selbst dasZinsnehmen wurde nunmehr gerechtfertigt. Die zweite Lehre hat notwendigauf die Selbständigkeit des Einzelnen auf allen Gebieten zurückgewirkt. Alsdas Wichtigste aber habe ich den Einfluß Calvins bezeichnet und als vonweittragendster Bedeutung die Entwicklung des englischen Independentismus,der äußersten Entwicklung des religiösen Individualismus. Nachdem aberin den Siegen Cromwells die sittlichen Ideen der Reform über den heidnischenMachiavellismus Karls I. triumphiert hatten, habe ich ausgeführt, hat derSieg der Independenten aufs neue die Unmöglichkeit gezeigt, von vorgefaßtenethischen Anschauungen aus die wirtschaftlichen und politischen Dinge derWelt zu meistern. Die calvinistische Auffassung, von welcher die Indepen-denten beherrscht gewesen, hat alle opportunistische Anpassung an die sichfortentwickelnden Verhältnisse ausgeschlossen. Die Folge ist gewesen, daßCromwell das sogenannte Parlament der Heiligen auseinanderjagte und dieHerrschaft an sich nahm, um einerseits die religiösen Ideale zu retten, andrer-seits die Auflösung aller sozialen und staatlichen Ordnung zu hindern.
Unterdessen während diese Kämpfe sich abspielten, hat sich in derStille die empirische Philosophie entwickelt, welche, indem sie voraussetzungslosan die Erforschung der Dinge herantrat, dazu gelangte, auf allen Gebietenden Einklang der natürlichen und sittlichen Weltordnung darzutun. Eineneue Welt ist mit ihr angebrochen. Eine ihrer Töchter ist auch die moderneVolkswirtschaftslehre.
Ich habe also in meiner Rektoratsrede von 1901 einerseits die Be-deutung der Reformation, insbesondere die Calvins und der Puritaner fürdie veränderte Stellungnahme des sittlichen Denkens zum Reichtum hervor-gehoben, andererseits aber nicht aus der Lehre der Puritaner, sondern ausder Lehre der ethisch voraussetzungslosen empirischen Philosophie jene Lehrehervorgehen lassen, welche von dem Menschen ausgeht als von einem Wesen,das, vom Verlangen nach Reichtum beherrscht, mit dem geringst möglichenAufwand seine Bedürfnisse möglichst vollkommen zu befriedigen strebt.
Seitdem ich diese Ausführungen gemacht habe, hat Max Weber seineAufsätze über »Die protestantische Ethik « und den »Geist« des Kapitalismus«
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