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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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nach außen abhängig wurden, alle Wirtschaftsgebiete. Und an ihm scheiterteauch die Lehre vom gerechten Preise in der Ausbildung, die sie im späterenMittelalter gefunden. Als Fremder war der auswärtige Kaufmann in dieheimische Standeshierarchie nicht eingegliedert. Was war somit seine berech-tigte Lebenshaltung, was sein ihr gemäß berechtigter Gewinn und der diesementsprechende gerechte Preis? Nach den festen Regeln der Standesordnungkonnte dies nicht festgesetzt werden. Hier kam dementsprechend dasStreben nach dem größtmöglichen Gewinn, wie am frühesten, so. auch amrücksichtslosesten zur Herrschaft, und von hier aus nahm die Auflösung dergesamten mittelalterlichen Gesellschaftsordnung ihren Anfang«.

Und dann bin ich zur Beantwortung der Frage geschritten, in welcherWeise die Emanzipation des ökonomischen Denkens von der überkommenenLehre vom Seinsollenden stattgefunden hat. Ich habe ausgeführt, daß eineheidnische Emanzipation und eine solche auf christlicher Grundlage zu unter-scheiden sei. Beiden gemein sei das Zurückgreifen auf das Ursprünglichegegenüber dem Überkommenen, und Beide hätten in erster Linie nichts mitwirtschaftlichen Dingen und dem ökonomischen Denken zu tun. Aber derEinfluß Beider sei so tiefgreifend gewesen, daß er auch in der Welt des Wirt-schaftslebens sich fühlbar gemacht habe.

Die heidnische Emanzipation hat in Italien begonnen. Seit dem Auf-blühen des Handels im Gefolge der Kreuzzüge ist sie dort allmählich heran-gereift. Der, welcher diese gesamte Geistesentwicklung gewissermaßen ein-heitlich geordnet hat, ist Machiavelli gewesen. Bei ihm ein geflissentlichesAbsehen von vorgefaßten ethischen Urteilen. Er hat, wie Bacön sich aus-gedrückt hat, offen und ohne jede Heuchelei gesagt, wie die Menschen zuhandeln pflegen, nicht wie sie handeln sollen. Dabei ist er zu einem Men-schen gelangt, der sein eigenes Selbst zum Mittelpunkt des Universumsmacht. Egoismus ist die stärkste Triebfeder seines Handelns. Alle Bandeder Pflicht zerreißt er bei jeder Aussicht auf eignen Vorteil. Dabei ist dieserEgoismus wesentlich wirtschaftlicher Natur. Der Mensch, sagt Machiavelli ,verzeiht eher den Tod seines Vaters als den Verlust seines Vermögens.Und dieser Mensch ist ihm der Mensch. Und so richtig hat Machiavelli die in Italien das Handeln beherrschenden Anschauungen erkannt, daß selbstder erste große Bekämpfer Machiavellis , Kardinal Pole, den Ausspruch tat,daß je mehr Einer sein Privatleben dem Leben Christi anpasse, um so unge-eigneter sei er nach dem Urteil der Menschen zur Regierung, undPapst Clemens VII . den Ausspruch tat: Chi va bonamente vien trata dabestia. (Wer auf ehrliche Weise zu Werk geht, wird als Schafskopfbehandelt.)