Druckschrift 
Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
Entstehung
Seite
147
Einzelbild herunterladen
 

147

nur ein bemerkenswertes Curiosum; es erklärt sich daraus, daß eben in dieserNordwestecke das Kleinbürgertum gegen das Königtum und die Aristokratieim Kampfe lag und in diesem vorübergehend gesiegt hat. In diesem Kampfemußte es in einer Lehre, welche das, worin seine Stärke war, die erfolgreicheBerufsarbeit, als Verherrlichung Gottes verklärte und jegliches aristokratischesWesen als Kreaturvergötterung, welche Gottes Ruhm Abbruch tue, verwarf, 1 )eine mächtige Stütze finden.

Aber gerade den Gedanken, daß die puritanische Berufslehre eineWiederspiegelung der Verhältnisse sei, in deren Mitte die puritanischenPrediger lebten, lehnt Weber ab. 2 ) Er beruft sich auf Baxter, der in seinerAutobiographie selbst hervorgehoben habe, daß für die Erfolge seiner innerenMissionsarbeit mitentscheidend gewesen sei, daß diejenigen Händler, welchein Kidderminster angesessen waren, nicht reich gewesen seien, sondern nurNahrung und Kleidung verdient und daß die Handwerksmeister nicht besserals ihre Arbeiter von der Hand zum Munde gelebt hätten. Wäre die puri-tanische Berufslehre kapitalistisch gewesen, so würde ich diesen Einwandals triftig anerkennen. Da sich aber, wie gezeigt wurde, diese Lehre voll-ständig in der Anschauungsweise der Händler und Handwerker von Kidder-minster bewegt hat, sehe ich in der Aussage Baxters einen Beleg für dieRichtigkeit meiner Auffassung. Und ebenso stimmt es mit dieser vollständigüberein, wenn ein so warmer Verteidiger der Weberschen These wie ErnstTroeltsch zugesteht, daß nur- im englischen Puritanertum sich »jener Ge-schäftsgeist gebildet habe, der die rationale arbeitsteilige Wirtschaft, diesystematische Ausnützung der Zeit, rnöglichste Steigerung des ehrlichen Ge-winns und Verwertung für allgemeine Zwecke zur Aufgabe des frommenChristen und guten Bürgers machte und eben damit freilich auch Gott vonder Höhe des praedistinierenden Weltwillens herabzieht auf das Niveau desdie Berufstreue seiner Erwählten mit irdischem und jenseitigem Segen loh-nenden Arbeitgebers. Gegenüber dem alten Genfer Kapitalismus ist dasmit seiner Werkheiligkeit, seiner Gesetzlichkeit und seiner Messung mitGeschäftsmaßstäben freilich eine starke Veräußerlichung ... In Genf selbst,in dem immer zugleich stark intellektuell interessierten Hugenottismus, indem arminianisch gesinnten und der Renaissancebildung erliegenden Reich-tum Hollands und vollends in dem agrarisch-aristokratischen Ungarn ist dieseEntwicklung nicht eingetreten«. 3 ) Das heißt, wo immer es Aristokratenwaren, die sich zur reformierten Lehre bekannten, fehlt dieser der banausische

') Siehe Archiv für Sozialwissenschaft etc. XXI 33, Anmerkung 27.

2 ) Ebenda S. 85, Anmerkung 33.

3 ) Zitiert von Rach fahl a. a. O. S. 1266.

«9