Druckschrift 
Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
Entstehung
Seite
151
Einzelbild herunterladen
 

1 5 1

Individuums jedenfalls gänzlich Transzendentes und schlechthin Irrationaleserscheint.« Lesen wir dagegen Franklins »Gespräche über Tugend und Freude«;darin läßt er den seine Ansicht vertretenden Philoki es sagen: 1 ) »Das,- wasdu so bitter tadelst und als das schrecklichste Übel in der Welt verschreiest,die Selbstverleugnung, ist in der Tat das größte Gut und führt zurhöchsten Selbstzufriedenheit.« Unter dieser Selbstverleugnung versteht er denVerzicht auf Genüsse. Aber warum und wann mutet er dem MenschenVerzicht auf Genüsse zu? Etwa weil er »alles unbefangene Gemessen« ver-mieden sehen will? Franklin hat ja den Luxus damit gerechtfertigt 2 ), daß»die Hoffnung, einst Gegenstände des Luxus erlangen und genießen zukönnen, ein scharfer Sporn zu Arbeit und Betriebsamkeit sei.« Er ist alsofür nichts weniger als für Gelderwerb rein als Selbstzweck gedacht. Viel-mehr hat er in seinem Briefe »Die Pfeife« an Madame Brillon geschrieben: 3 )»Wenn ich einen Geizhals traf, der jede Behaglichkeit des Lebens, alleFreuden, Anderen Gutes zu tun, alle Achtung seiner Mitbürger und dasbeseligende Gefühl wohlwollender Freundschaft aufgab, um Schätze zusammeln, sprach ich: »Armer Mann, du gibst zuviel für deine Pfeife« undin seinem Aufsatz »über wahre Glückseligkeit« bezeichnet er 4 ) statt desErwerbs von Geld und immer mehr Geld, als das summum bonum, vielmehrdie »Gleichgültigkeit gegen die Dinge dieser Welt, Ergebung in denWillen der Vorsehung und wohlbegründete Erwartung einer besseren Zu-kunft; nur sie könnten uns zum Genüsse der wahren Selbstzufriedenheitführen«. Philokles aber erläutert 5 ) die Selbstverleugnung als Ursache desgrößten Glücks, indem er sagt: »Ich spreche von allen Freuden der Sinne.Das Heil der Menschen kann nie in bloß sinnlichen Genüssen bestehen,denn, wenn irgendeiner der Gegenstände, die du sinnlich begehrst, ab-wesend oder nicht zu bekommen ist, so bist du gewiß unglücklich, undwenn der Gegenstand da, die Fähigkeit zum Genüsse aber geschwächt ist,so kannst du ihn dennoch nicht genießen, so daß der sinnliche Genuß durchtausenderlei Dinge, in und außer dir, bedingt ist, welche alle nicht in deinerMacht sind. Kann darin das Heil der Menschen bestehen? Sage selbst,ist das nicht ein schwankendes, flüchtiges und launisches Heil? Kann das-jenige, bei einiger Genauigkeit der Sprache, das Heil der Menschen ge-nannt werden, in dessen Besitz er noch elend sein kann, und bei dessenEntbehrung er notwendig elend sein muß? Kann das unser Heil sein,dessen Erwerbung uns viel Mühe und Sorge macht, dessen Besitz aber zum

') Franklins Leben etc. II, 216. 2 ) Ebenda IV, 57.

3 ) Ebenda IV, 140. 4 ) Ebenda II, 208. 5 ) Ebenda II, 224 ff.