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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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Überdruß führt, so daß wir erst die Wiederkehr des Appetits abwartenmüssen, bevor wir es wieder genießen können? Oder ist das unser wahresHeil, -was wir ohne Schwierigkeit erlangen können, was durch den Besitzan Wert gewinnt, was nie zur Übersättigung und Täuschung führt, undwas eben durch den fortgesetzten Genuß immer genießbarer für uns wird? . . .Ich habe dir gezeigt, was das Heil nicht ist; es ist kein sinnliches, sondernein vernünftiges und moralisches Gut; es ist die wahre Wohltätigkeit, diedarin besteht, daß wir durch Handlungen der Menschlichkeit, derFreundschaft, der Großmut und des Wohlwollens Anderen sovielGutes tun, als wir können; das ist jenes beständige dauernde Heil, welchesuns eine immer gleiche Zufriedenheit und Genugtuung gewährt, ohne Wechselund ohne Abnahme. Ich will mich auf deine eigene Erfahrung berufen.Ist es dir jemals überdrüssig geworden, das Elend Anderer zu erleichtern,oder die von Kummer Gebeugten wieder aufzurichten zu neuer Lebenslust?Oder hast du nicht vielmehr gefunden, daß die öftere Wiederholung solcherHandlungen deine Freudigkeit nur erhöhte und daß diese in der Erinne-rung noch größer war, als bei der Handlung selbst? Gibt es eine Freudeauf Erden, die zu vergleichen wäre mit derjenigen, welche aus dem Ge-fühle entspringt, Andere glücklich gemacht zu haben? Kann diese Freudedich je verlassen oder jemals aufhören, solange du existierst? Begleitet siedich nicht fortwährend; legt sie sich nicht mit dir schlafen; steht sie nichtmit dir wieder auf; lebt sie nicht, solange du selbst lebst; wird sie dirnicht Trost gewähren in der Todesstunde; dir nicht treu bleiben, wennalles Andere dich verlassen will, oder wenn du von allem Anderen dichtrennen mußt?« Und dann schließt der Dialog mit folgender Ausführung:»Wenn du aber tiefer forschst, . . . warum die moralischen Freuden größersind als die sinnlichen, so wirst du finden, daß es dem Wesen aller Ge-schöpfe auf dieselbe Weise eigen ist, daß ihre Glückseligkeit oder ihrhöchstes Gut darin besteht, ihrer höchsten Fähigkeit gemäß zu handeln,oder durch ihre Handlungsweise den Forderungen derjenigen Fähigkeit zuentsprechen, welche die besondere Art dieses einen Geschöpfes von allenanderen Geschöpfen unterscheidet. Die höchste Fähigkeit des Menschenist seine Vernunft; mithin besteht sein höchstes Gut, oder das, was mitRecht sein Heil genannt werden kann, in einer Handlungsweise, welcheden Forderungen der Vernunft entspricht, deren natürliche Tendenz dahingeht, ihn zur wahren, reinen Glückseligkeit zu führen; und diese Handlungs-weise nennen wir vorzugsweise die moralisch gute.«

Das ist die Ethik Benjamin Franklins in seinen eigenen Worten. Sieenthält starke Anklänge an die nikomachische Ethik des Aristoteles X, 69.