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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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Und von diesem Manne schreibt Max AVeber: 1 ) »Eine Gesinnung wie siein den zitierten Ausführungen Benjamin Franklins (seinen oben wieder-gegebenen Ratschlägen an junge Geschäftsleute) zum Ausdruck kam undden Beifall eines ganzen A 7 olkes fand, wäre im Altertum wie im Mittelalterebenso als Ausdruck schmutzigsten Geistes und einer schlechthin würde-losen Gesinnung proskribiert worden, wie dies noch heute von allen den-jenigen sozialen Gruppen regelmäßig geschieht, welche in die spezifischmoderne kapitalistische Wirtschaft am wenigsten verflochten oder ihr amwenigsten angepaßt sind.« Es scheint mir überflüssig, ein Wort der Kritikhinzuzufügen.

Max AVeber zieht daraus, daß Benjamin Franklin im Erwerb von Geldund immer mehr Geld das summum bonum erblickt habe, den Schluß, 2 ) daßin seinem Geburtslande Massachussetts der »kapitalistische Geist« vor der»kapitalistischen Entwicklung« dagewesen sei und sieht darin eine weitereAA 7 iderlegung derjenigen, welche derartige »Ideen« als »Widerspiegelung«oder »Überbau« ökonomischer Situationen ins Leben treten lassen. Aneiner späteren Stelle kommt er abermals hierauf zurück. »Wie ist es hi-storisch erklärlich«, so fragt er, 3 ) »daß im Zentrum der kapitalistischen Ent-wicklung der damaligen AVelt, in Florenz im 14. und 15. Jahrhundert, demGeld- und Kapitalmarkt aller politischen Großmächte, als sittlich bedenklichgalt, was in den hinterwäldlerisch-kleinbürgerlichen Verhältnissen von Penn-sylvanien im 18. Jahrhundert, wo die Wirtschaft aus purem Geldmangelstets in Naturaltausch zu kollabieren drohte, von größeren gewerblichenUnternehmungen kaum eine Spur, von Banken nur die vorsintflutlichenAnfänge zu bemerken waren, als Inhalt einer sittlich löblichen, ja gebotenenLebensführung gelten konnte?« Die Antwort, die AA r eber auf die Fragegibt, lautet: in Pennsylvanien herrschte die puritanische Ethik, welche denGelderwerb um seiner selbst willen dort schon, bevor eine kapitalistischeAVirtschaft ins Leben getreten war, zu einem »Berufe« im Sinne BenjaminFranklins gemacht hatte, in Florenz dagegen die Wirtschaftsethik der ka-tholischen Kirche , welche der hl. Hieronymus in dem Satze omnis divesaut iniquus aut iniqui haeres zusammengefaßt hatte. Ich habe schon obenals den Hauptfehler AVebers bezeichnet, daß er die heidnische Emanzipationvom Traditionalismus, die von Italien ausging, ganz vernachläßigt habe;jetzt haben wir auch kennen gelernt, daß die puritanische Ethik die traditio-nalistische AVirtschaftsethilc des Kleinbürgertums gewesen ist, in welcher

*) Archiv für Sozialwissenschaft etc. XX, 19.

2 ) Ebenda S. 18. 3 ) Ebenda S. 33.

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