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sich der Handwerkergeist der zweiten Hälfte des Mittelalters in seinerWeiterentwicklung gespiegelt hat, und daß Franklin die Berufspflicht desBürgers keineswegs im Gelderwerb um des Geldes willen erblickt hat. Damitist Webers Frage erledigt.
Also: es ist völlig unhaltbar, daß der Puritanismus den kapitalistischen Geist als Massenerscheinung erzeugt habe. Damit soll aber mit Nichtenbestritten werden, daß seine Gnadenlehre da, wo der Kapitalismus in Folgeder Entwicklung tatsächlich schon gegeben war. die der Ausbreitung deskapitalistischen Geistes bei religiös Gesinnten etwa entgegenstehenden innerenHemmnisse beseitigt und damit seiner Ausbreitung mächtigen Vorschub ge-leistet hat. Es ist schon oft über den Geschäftsmann gespottet worden,der sechs Tage, in der Woche rücksichtslos nach Gewinn strebt und, wennder Wochenabschluß am Samstag Abend einen großen Überschuß auf weist,am Sonntag in die Kirche wandelt als Typus der Respektabilität im stolzenBewußtsein, daß, wie seine Bilanz beweise, er sich in der besonderen GnadeGottes befinde, zu den Auserwählten Gottes gehöre. Auch soll in Amerika der Beitritt von Geschäftsleuten zu den Wiedertäufern oft deshalb erfolgen,weil die Zugehörigkeit zu einer Sekte, welche die Rechtschaffenheit zumobersten Prinzip erklärt, ihnen Kredit schaffe, und umgekehrt soll es dortauch Vorkommen, daß Trustmagnaten ihre Zugehörigkeit zu mcthodistischenKirchen durch großartige Spenden für deren Wohltätigkeitszwecke in her-vorragender Weise betätigen, um durch gute Werke, die sie als im Gnaden-stand befindlich dokumentieren, den Unmut über ihre Aufsaugung kleinerselbständiger wirtschaftlicher Existenzen zu beschwichtigen. Doch sei ihnendies nicht immer geglückt; mitunter hätten methodistische Gemeinden dieseSpenden zurückgewiesen und die Spender ausgeschlossen. Danach würdealso der amerikanische Puritanismus die rücksichtslose Dollarjagd selbstheute noch ebenso verurteilen, wie er sie in den Zeiten Bunyans verurteilt hat.
Der kapitalistische Geist ist, wie schon bemerkt, mit dem Handel ent-standen, der seinem innersten Wesen nach den größtmöglichen Gewinnanstrebt. Seine Ausbreitung ist mit der Entwicklung des Handels Handin Hand gegangen. Was ihr besonders gedient hat, war die Wiederbelebungund Ausbreitung der Herrschaft des römischen Rechts, das seinen Interessenentgegenkam. In das römische Recht aber war die Berücksichtigung desStrebens nach Gewinn unter dem Einfluß der stoischen Philosophie ge-drungen. Bekanntlich haben die Stoiker ein Naturrecht gelehrt, das mitden Gesetzen der Natur, der Vernunft des Weltganzen in Einklang steht. 1 )
*) Ich entnehme die folgenden Worte meinen Ausführungen in »Die Volks-