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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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übervorteilen. Man ging eben von der Auffassung aus, daß, wenn jedersein eigenes Interesse möglichst wahre, das Gesamtinteresse am besten ge-wahrt werde.

Das stand mit der Lehre der katholischen Kirche allerdings in argemWiderspruch. Aber da man, wie schon bemerkt, erkannt hatte, daß mannach den Geboten Christi nicht wirtschaften könne, ohne wirtschaftlich zurück-zugehen, nahm man als Maßstab der Lebensführung nicht das, was dieKirche, sondern das, was das für die Ordnung der weltlichen Verhältnissegültige weltliche Recht erlaubte. Die Kirche selbst aber gab, wie schondargelegt, den Ausweg, indem sie den Reichen zur Unterstützung derArmen verpflichtete. In diesen, Weber wohlbekannten Verhältnissen dieAntwort auf seine schon erwähnte Frage, wie es zu erklären sei, daß inFlorenz im 14. und 15. Jahrhundert als sittlich bedenklich galt, was die Puri-taner als Inhalt einer sittlich gebotenen Lebensführung betrachteten.

Aber weder die eine noch die andere Lehre vom Seinsollenden warfür die weitere Entwicklung maßgebend, sondern, wie schon bemerkt, dieempirische Philosophie, die das Seiende zum Ausgangspunkt nahm. Wiedie Volkswirtschaftslehre, die in dem Prinzip der Wirtschaftlichkeit: Be-friedige mit dem geringst möglichen Aufwand möglichst vollkommen deineBedürfnisse, das Alpha und Omega wirtschaftlichen Handelns sieht, sichaus der Betrachtung des Seienden im Wirtschaftsleben entwickelt hat, istbekannt. Die Physiokraten und Adam Smith haben das Streben nach demgrößtmöglichen Gewinn systematisiert. Dabei haben sie die Übereinstimmungihrer aus der Betrachtung des wirtschaftlich handelnden Menschen abge-leiteten wirtschaftlichen Naturgesetze mit dem Sittengesetz ganz nach Artder Stoiker gelehrt. 1 ) In ihrem Banne ist auch Benjamin Franklin ge-standen. Er ist der Freund der Physiokraten 2 ) und Adam Smiths gewesen,und war von denselben Grundanschauungen beherrscht wie diese. Er selbsthat sogar erzählt, daß Adam Smith ihm sein großes Werk über den Reichtumder Nationen, Kapitel für Kapitel, in dem Maße, in dem diese fertig wurden,vorgelesen habe. 3 )

) Siehe eine ausreichende Zusammenstellung ihrer diesbezüglichen Aussprüchebei Louis de Lom^nie, Les Mirabeau II. 283 ff. Paris 187g.

2 ) Siehe Franklins Leben und Schriften II 97 ff.

3 ) Siehe John Rae, Life of Adam Smith, London 1895, p. 264.