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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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Nach der Veröffentlichung von Max Webers Aufsätzen ist Sombart auf die Frage der Anfänge des modernen Kapitalismus zurückgekommen.In seinem Werke von 1902 hatte er das Jahr 1204 für dessen Geburtsjahrerklärt und ihn in Italien entstehen lassen. Der Puritanismus datiert abererst aus dem 17. Jahrhundert; außerdem hat man von je die Juden alstypische Vertreter des Kapitalismus betrachtet. Das waren augenscheinlicheder These Webers entgegenstehende Hindernisse. Es gab ein Mittel, diesezu überwinden: wenn man in der von Weber den Puritanern zugewiesenenRolle an deren Stelle die Juden setzte. Max Weber selbst hat an ver-schiedenen Stellen seiner Aufsätze auf die enge Verwandtschaft von Judenund Puritanern verwiesen. Auch ist es eine alte Sache, daß die Puritanerdem alten Testament mit Ausnahme jener Lehren, die durch das neue aus-drücklich beseitigt worden waren, den gleichen Rang wie dem neuen bei-gelegt haben. Seine Vorschriften waren auch ihre Vorschriften, mit Vorliebehaben die Puritaner alttestamentarische Namen als Taufnamen gewählt, undwie die Juden hielten sie sich für das auserwählte Volk. Darauf hat Sombart 1911 sein Buch »Die Juden und das Wirtschaftsleben« veröffentlicht, in demer, angesichts der weit schärferen Ausprägung der für die kapitalistischeEntwicklung bedeutsamen Ideen des Puritanismus in der jüdischen Religion,an Stelle des Puritaners den Juden zum konkreten Träger des abstraktenStrebens nach unbegrenztem Gewinn gemacht hat. Dadurch waren dannalle die Schwierigkeiten behoben, welche das Auftreten des Kapitalismus,lange bevor es Puritaner gab, der Weberschen These bereitet; man mußtenur die Welt davon überzeugen, daß überall, wo sich vor den PuritanernKapitalisten finden, in Italien und anderen Ländern, diese offene oderheimliche Juden oder Nachkommen von Juden gewesen seien.

Dieses Sombartsche Buch von 1911 ist eine der betrüblichsten Er-scheinungen auf dem Gebiete der deutschen Wissenschaft. Wenn ich imvorigen Abschnitte der Lehre Max Webers entgegengetreten bin, habe ichdies nur mit der größten Überwindung getan; denn ich verehre in ihmeinen Mann von ungewöhnlichem Geiste, außerordentlicher Gelehrsamkeitund unerbittlichem wissenschaftlichem Ernst. Aber da ich seine Lehre vom»Geist« des Kapitalismus für falsch und seinen Irrtum für den Ausgangs-punkt weiterer wissenschaftlicher Irrtümer erachte, habe ich mich trotz allermeiner persönlichen Verehrung für verpflichtet gehalten, seiner Lehre ent-gegenzutreten. Anders mit Sombart . Schon sein Werk von 1902 hat, wie imersten Abschnitt gezeigt worden ist, über das, was die Quellen besagen,nicht selten mit der größten Willkür geschaltet, um sie mit seinen Lehrenin Übereinstimmung zu bringen. Sein Buch von 1911 zeigt diese Willkür in