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gesteigertem Maße. Gewiß ist es erfreulich, daß Sombart manche der inseinem 1902 erschienenen Werke mit großer Sicherheit vorgetragenen Sätzefallen gelassen zu haben scheint. Wir hören nichts mehr von der Ent-stehung des Kapitals aus akkumulierter Grundrente, wenn er auch als aneinem Eckstein seiner Lehre daran festhält, daß die Entstehung des Kapitalsmit dem Handel nichts zu tun habe. 1 ) Immerhin aber wird nicht mehr dasin seinem »Modernen Kapitalismus« an drei Stellen wiederholte Rechen-exempel Leonardo Pisanos von dem Kaufmann, der dreimal sein Kapitalverdoppelt und nichts übrig behält, als Beleg für die unerhebliche Bedeutungdes Llandels vor 1204 herangezogen, und von dem Erscheinen des Rechen-buchs Leonardos im Jahr 1204 und der gleichzeitigen Eroberung Konstantinopelsdurch die Lateiner wird nicht mehr die Entstehung des modernen Kapita-lismus datiert. Diese Auffälligkeiten seines früheren Werkes haben abernur ärgeren Einfällen Platz gemacht. Das Buch ist voll der Frivolitäteneines sich als Übermensch fühlenden Übermütigen, der die Seifenblasen seinerLaune dem durch Geistreicheleien verblüfften Leser mit souveräner Ver-achtung ins Gesicht bläst und dazu von ihm verlangt, daß er seine Einfälleals »unwiderleglich richtige« wissenschaftliche Sätze annehme.
Ein so hartes Urteil über ein Buch, das so viele Auflagen erlebt hat,bedarf der Begründung. Um mit seiner Darstellung zu beginnen:
Der moderne Kapitalismus entsteht in Sombarts Buche über »DieJuden und das Wirtschaftsleben« 2 ) nahezu drei Jahrhunderte später wiefrüher, 1492 bezw. 1495 und 1497, mit der Austreibung der Juden ausSpanien . 2 ) Diese erklärt nach ihm auch »eine für den Verlauf der mo-dernen wirtschaftlichen Entwicklung entscheidend wichtige Tatsache, dieVerlegung des Schwergewichts der wirtschaftlichen Beziehungen ebenso wiedes ökonomischen Energiezentrums aus dem Bannkreise der südeuropäischenNationen (Italiener , Spanier, Portugiesen, denen sich einige süddeutscheGebiete angliederten) unter die nordwesteuropäischen Völker:. Zuerst die(Belgier und) Holländer, dann die Franzosen , die Engländer, die Nord-deutschen.« Die »Historiker« hätten bisher die schnurrigsten Gründe dafürangeführt; so z. B. die Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Ost-indien. Dadurch sei der Levantehandel in seiner Wichtigkeit beeinträchtigtund dadurch die Stellung namentlich der süddeutschen und italienischenStädte als dessen Träger erschüttert worden. Und nun geht Sombart gegendiese Auffassung vor. Was er dagegen vorbringt, ist für seine Argumen-