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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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ligion. »Damit«, so schreibt Sombart , 1 ) »der Kapitalismus sich entfaltenkonnte, mußten dem naturalen, dem triebhaften Menschen erst alle Knochenim Leibe gebrochen werden, mußte erst ein spezifisch rational gestalteterSeelenmechanismus an die Stelle des urwüchsigen, originalen Lebens gesetztwerden, mußte erst gleichsam eine Umkehrung aller Lebenswertung undLebensbedeutung eintreten. Der homo capitalisticus ist das künstliche undkunstvolle Gebilde, das aus dieser Umkehrung schließlich hervorgegangen ist.Natürlich daß dieser Umbildungsprozeß zum großen Teil durch den Kapitalismusselbst erfolgt ist. Aber er wurde gefördert und vielleicht auch ursprünglich an-geregt durch den Vorgang der Neugeburt, den jeder Jude unter dem Einflußseiner Religion erlebte. Der homo Judaeus und der homo capitalisticus gehöreninsofern derselben Spezies an, als sie beide homines rationalistici artificialessind.« Und an derselben Stelle findet sich der Satz: »Die Erwerbsidee so-wohl wie der ökonomische Rationalismus bedeuten ja im Grunde gar nichtsanderes als die Anwendung der Lebensregeln, die den Juden ihre Religionim allgemeinen gab, auf das Wirtschaftsleben.« Denn, wie Sombart desweiteren ausführt, die jüdische Religion sei nicht ein Erguß des Herzens,sondern ausschließlich das Werk des rechnenden Verstands. Rationalismusin seiner reinsten Verkörperung sehe sie selbst zwischen Gott und demMenschen nur ein rein geschäftsmäßiges Verhältnis. 2 * )

Diese Darstellung des Geistes der jüdischen Religion hat bei den jüdi-schen Gelehrten heftigen Widerstand hervorgerufen.) Sie haben Sombart vorgeworfen, daß er das Zerrbild, das er von der jüdischen Religion ent-worfen habe, nicht auf Grund eingehenden Studiums des Judentums ge-wonnen habe; vielmehr habe er in seinem früheren Werke über den modernenKapitalismus eine Schilderung dieses gegeben; dann habe er Max Webers Untersuchungen über die Zusammenhänge zwischen Puritanismus und Ka-pitalismus gelesen, und angesichts der weit schärferen Ausprägung der fürdie kapitalistische Entwicklung bedeutsamen Ideen des Puritanismus in derjüdischen Religion, das Bild, das er vom modernen Kapitalismus entworfen,von Außen her, wie eine Etikette, dem Judentum aufgeklebt. 4 ) Zu dem

') Sombart , Die Juden etc. S. 281. 2 ) Ebenda S. 244.

J ) Siehe u. a. die beiden Aufsätze »Das jüngste Bild vom Judentum« des Frei-burger Rabbiners Dr. Max Eschelbacher in »Ost und West«, Heft 12 vom De-

zember 1911, und Heft 2 vom Februar 1912; ferner Dr. M. Steckelmacher, Rand-bemerkungen zu Werner Sombart »Die Juden und das Wirtschaftsleben«, Berlin 1912.

4 ) Vgl. hierüber auch Ernst Tröltsch , Die Bedeutung des Protestantismus fürdie Entstehung der modernen Welt. München und Berlin 1911, S. 71: »Sicherlichfalsch ist die einfache Vereinerleiung der puritanischen und jüdischen Religion undWirtschaftsethik«.

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