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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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Zwecke habe er i. aus den jüdischen Schriften das Viele, was ihm nichtpaßt, einfach totgeschwiegen, und 2. wo er Stellen aus dem jüdischen Schrift-tum anführt, ungenau zitiert und die zitierten Stellen nicht selten völlig ent-stellt, die Sätze häufig verstümmelt und dafür andere eigener Erfindung hinzu-gefügt, bis das Zitat seinen Wünschen entsprach. All dies wird ihm imeinzelnen an der Hand der Quellen nachgewiesen.

Ich selbst kenne von den jüdischen Schriften nur das Alte Testament.)Nach der Art und Weise, wie Sombart dieses mißhandelt hat, kann ichdiesem Urteil nur beitreten. Vor allem aber: nach den Anschauungen desAlten Testaments hat es nur einen Eigentümer gegeben: Jahve. Dieserhatte jeder Familie den ihr gebührenden Anteil am Lande verliehen. Injedem Sabbatjahr sollte das Land aufs Neue gleichmäßig verteilt und soder auf die Ebenmäßigkeit des Besitzes und Gleichheit des Rechts begrün-dete normale Zustand des Reichs wiederhergestellt werden; desgleichen solltealle sieben Jahre ein vollständiger Schuldenerlaß stattfinden und das Landbrach liegen bleiben, sodaß »die Armen des Volks davon essen« konnten.Wie immer es sich mit der praktischen Ausführung dieser Vorschrift ver-halten haben mag, jedenfalls zeigt sich darin die der jüdischen Religioneigentümliche Vorstellung über das Verhältnis des Menschen zum Besitz,und diese Vorstellung ist auch, nachdem von einer praktischen Durchführungdes Sabbatjahres längst nicht mehr die Rede sein konnte, maßgebend ge-blieben für die Regelung der Verhältnisse sowohl der Leviten als auch derArmen. Für die Nutznießung des Jahve allein gehörigen Eigentums mußtennämlich die einzelnen Nutznießer sowohl den Leviten als auch den Armenbestimmte Anteile an allem Gute, an beweglichem wie an unbeweglichem,abgeben. Das mosaische Recht sah im Almosen ein Mittel zur Wieder-herstellung der durch die'Verteilung des Allen gehörigen Eigentums unterdie einzelnen zeitigen Nutznießer gestörten normalen Ordnung. In einerReligion, die von so unkapitalistischen Grundanschauungen über den Besitzausgeht, die ideelle Grundlage des Kapitalismus erblicken zu sollen, ist einestarke Zumutung. Aber über diese Eigentumsordnung des Alten Testa-ments findet sich bei Sombart kein Wort. Er ignoriert das Buch Hiob ,das seiner Theorie von der Rechenhaftigkeit des Verhältnisses des jüdischenMenschen zu seinem Gott völlig widerspricht und den Psalm 73, der vorÄrgernis an dem Glück der Gottlosen warnt und mit dem Versprechenschließt: »Aber ich bleibe stets bei Dir; Du hältst mich bei meiner

*) Wenn ich im Folgenden Stellen aus dem Alten Testamente zitiere, lege ichdie deutsche Übersetzung von E. Kautzsch, Tübingen 1910, zu Grund.