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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
Entstehung
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Rationalisierung des Lebens, welche selbst das Verhältnis des Menschen zuGott zu einem rein geschäftsmäßigen machte und die notwendige Voraus-setzung dafür gewesen ist, daß dem naturalen, dem triebhaften Menschen-geist alle Knochen im Leibe gebrochen wurden, wie dies nötig gewesen,damit der Kapitalismus sich hat entfalten können. Ist dieser Dualismusetwas spezifisch Jüdisches? Findet sich jene Rechenhaftigkeit in dem Ver-hältnis zwischen Mensch und Gott nur bei den Juden? Sind die nicht-jüdischen Völker etwa in dem Maße, in dem sie mit dem Christentum dieseLehre sich aneigneten, kapitalistisch geworden?

Jener Dualismus findet sich vor Allem auch bei anderen Völkern desOrients; ganz besonders aber findet er sich bei dem Volke, dem die Mensch-heit für Alles, was das Leben mit jedweder Art edlen Genusses erfüllt, ammeisten verpflichtet ist, bei den Griechen. Allen diesen Völkern erscheintder Mensch doppelt bewegt. Einerseits ist er ein animalisches Wesen. Alssolches verlangt er nach Sinnenlust und schreckt zurück vor Schmerz undPein. Andererseits hat er ein Bewußtsein von Recht und Unrecht. Etwas was immer dieses Etwas sein mag nötigt ihn, das Eine oder Anderezu wählen. Das fühlt er in sich als Pflicht; das ist seine Religion. »ZweiSeelen wohnen, ach, in meiner Brust« haben die Menschen Jahrtausende vorFaust gerufen. Der Streit zwischen beiden hat von je sein Gefühl und seinenVerstand beunruhigt. Um die Sinnenlust dem Gefühl von Recht und Un-recht zu unterwerfen, muß er seinen sinnlichen Trieben Gewalt antun. Erfürchtet Strafe, wenn er es nicht tut. Er erfindet Mittel, einerseits seinenTrieben zu folgen, andererseits der Strafe zu entgehen. Solche Mittel siehter in Opfern, Zeremonien und Gebräuchen. Auch nach der Weltanschau-ung der alten Griechen wurden die Missetäter sei es in diesem, sei es ineinem zukünftigen Leben gelohnt und gestraft. Dem frommen Mann, heißtes bei Sophokles , 1 ) sind hold die Götter; ihm mehren sie die goldenen Schätze;den Bösen hassen sie; ihm senden sie Pest und Verderben. 2 ) Im Hadesaber walten Minos , Rhadamantys und Aeakos ihres Richteramts und Tityos,Tantalos, Sisyphos erduldeten unsägliche Qualen, weil sie sich auf Erdengegen die Götter vergangen hatten. War dem Frevler aber die Strafe in

erkannt und ihnen damit die Laufbahn innerhalb der bestehenden Ordnung geöffnetist, sind sie vermöge ihrer Besitzfreudigkeit, ihrer Zielstrebigkeit und ihrer Eitelkeitgeborene Konservative. Man öffne ihnen nur die Tore und es wird allenthalben ausdem radikalen Disraeli ein konservativer Lord Beaconsfield. Ein Blick unter dieMarannen in unserer Beamtenwelt kann jeden überzeugen.

') Vgl. Der rasende Ajax, vers 130133.

2 ) Siehe z. B. Ilias I, v. 1013; 4352.