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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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ganzen Seele gegen die Triebe anzukämpfen. Der Kampf wird mit wech-selndem Glücke geführt. Nie wird der Sieg völlig gewonnen. Der Kampfwird von jeder Art von Gemütsbewegung abwechselnd begleitet, vom Ge-fühl der Erniedrigung und dem der Zuversicht, der Verzweiflung und derHoffnung. Das Wesentliche ist stets das Streben der besseren Natur, dieniedere zu bewältigen. Die Form dieses Strebens ist in den verschiedenenPerioden verschieden, je nach den Zeitverhältnissen, dem Temperament derverschiedenen Völker, der jeweilig herrschenden Anschauung von der Welt-regierung. Bald ist sie Enthusiasmus, bald Askese. Überall, wo der Mutvorhanden ist, für eine für heilig gehaltene Sache durch Verzicht auf per-sönlichen Genuß Opfer zu bringen, ist es gegeben, so in der Askese derkatholischen Heiligen, so im Glauben an Christus. Es hat im Heidentum,Judentum und im Christentum jedweder Denomination die heiligsten Seelenhervorgebracht.

So ist denn der Dualismus keineswegs eine spezifisch heidnische, sonderneine allgemeine Religionslehre. Speziell das Christentum aber hat in seinerWeiterentwicklung durch die katholische Theologie seine dualistische Lehregar nicht unter dem Einfluß der jüdischen Religion, sondern unter demdes Platonismus ausgebildet. ».Plato zuerst«, sagt Zeller , 1 ) »hat es aus-gesprochen, daß die sichtbare Welt nur die Erscheinung, und zwar die un-vollkommene Erscheinung, einer unsichtbaren sei, daß der Mensch aus demDiesseits ins Jenseits flüchten, das gegenwärtige Leben als Vorbedingung für einkünftiges benützen solle; er hat jenen ethischen Dualismus begründet,welcher in der Folge der vorher schon in orientalischen Religionen undorphischem Mysterienwesen vorhandenen Askese zur wissenschaftlichen Recht-fertigung wurde . . . Aus dieser Ethik stammt in der altchristlichen Sitten-lehre die Forderung einer Weltentsagung, die in mönchischer Tugend ihrenhöchsten Ausdruck findet.«

Die beiden Fragen, ob die Lehre von dem Widerspruch zwischen dertriebhaften Natur des Menschen und der Sittenlehre und ob sich die Rechen-haftigkeit in dem Verhältnis zwischen Mensch und Gott nur bei den Judenfinden, sind also zu verneinen; dasselbe gilt für die dritte Frage. Es istauch nicht richtig, daß die Völker nördlich der Alpen, als sie mit der An-nahme des Christentums auch die dualistische Lehre annahmen, kapitalistischgeworden seien. Nach Sombarts Lehre hätte dies allerdings eintreten müssen.Denn diese Lehre führt ja nach ihm zu solchem Brechen der Knochen des

J ) »Der platonische Staat in seiner Bedeutung für die Folgezeit«. Vorträge undAbhandlungen geschichtlichen Inhalts von Eduard Zeller. Leipzig 1865, S. 74.