Druckschrift 
Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
Entstehung
Seite
175
Einzelbild herunterladen
 

175

triebhaften Menschen, daß nun auch der Rationalisierung seines weltlichenLebens nichts mehr hemmend im Wege steht und der traditionalistischeGeist vor dem kapitalistischen das Feld räumt. Das mit dem Dualismus,nach Sombart , eintretende geschäftsmäßige Verhalten der Menschen zu Gotthat auf die Wirtschaftsorganisation gar keinen Einfluß geübt. Es ist dengewalttätigen Großen im Mittelalter zwar oft energisch zu Gemüt geführtworden, daß sie sich durch fromme Stiftungen zu Gunsten des ReichesGottes auf Erden von der Bestrafung ihrer Missetaten im Jenseits loskaufenmüßten, und es ist bekannt, w r elch enormer Besitz sich als Folge in denHänden der Kirche vereinigt hat;') aber das Wirtschaftsleben ist nach wievor traditionalistisch geblieben.

Eine Frage aber drängt sich bei Sombarts Lehre, daß der Kapitalismusnichts anderes sei als der Ausfluß der jüdischen Religion, notwendig auf.Sombart schreibt über die Leistungen der Juden: »Sie haben uns den EinigenGott und Jesum Christum und also das Christentum geschenkt mit seinerdualistischen Moral . . . Die Juden haben den Kapitalismus in seiner heutigenGestalt möglich gemacht.« Nach Sombart haben die Juden also zweierleigetan: das Christentum angeregt und den Kapitalismus . Beide sollen Aus-strahlungen jüdischen Geistes sein. Beide aber widersprechen sich. Sombart selbst setzt den von der christlichen Lehre gelehrten Traditionalismus wieder-holt dem kapitalistischen Streben nach unbegrenztem Reichtum gegenüber.Das Judentum hat also gleichzeitig das Entgegengesetzte ausgestrahlt, eineReligion des selbstlosen Sichgenügens und eine Religion des schrankenlosenBegehrens!! Wäre es da, statt den modernen Kapitalismus als Ausstrahlungjüdischen Wesens und den homo judaicus mit dem homo capitalisticus zuidentifizieren, nicht angemessener gewesen, auf die Juden die Worte anzu-wenden, welche Pasquale Villari in der Vorrede zu seiner Geschichte desmittelalterlichen Italien von Karl dem Großen bis zu Heinrich VII. ge-schrieben hat: »Wir haben ohne Widerrede uns dem Urteil fremder Schrift-steller unterworfen, daß die Italiener von Natur ein für Religion gleichgül-tiges, ja jeden religiösen Sinnes geradezu bares Volk sind. Man hat wieder-holentlich über uns gesagt, daß wir uns immer ausschließlich mit Jurisprudenz,Handel, Gewerbbetrieb, Literatur und Kunst beschäftigt haben. Selbst inden Kreuzzügen sollen wir nur eine Gelegenheit, Geld zu verdienen, erblicktund nicht im geringsten Maße an dem unbezähmbaren religiösen Enthusi-

') Siehe die reizende Legende vom Begräbnis des hl. Medardus und die vomTraume des Königs Dagobert bei Rambaud, Histoire de la civilisation francaise 8. ed.Paris 1901, I 96, vor allem aber die zahllosen Kommendationen um Erlaß der Sünden-strafen willen bis hin zu den Spenden der Gläubigen zur Zeit von Tetzeis Ablaßhandel.