Druckschrift 
Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
Entstehung
Seite
176
Einzelbild herunterladen
 

i 76

asmus teilgenommen haben, der andere Nationen hin nach dem Osten ge-drängt hat, damit das Grab Christi aus der Hand der Ungläubigen befreitwerde. Derartige Äußerungen würden fast zu der Annahme nötigen, daßder hl. Benedikt, der hl. Franziskus, der Abt Joachim, selbst Arnold vonBrescia, Leo I., Gregor der Große, Gregor VII. und viele Andere keine ge-borenen Italiener gewesen seien. Und doch ist unsere ganze Geschichte bishin zum Tode Dante Alighieris ein Beweis des Gegenteils. Während diesesZeitraums erhob sich das religiöse Leben zur allergrößten Bedeutung, und eshat kein großes politisches Ereignis gegeben, das nicht durch eine religiöse Be-wegung und religiöse Kämpfe eingeleitet und von ihnen begleitet und belebtgewesen wäre . . . Man hat eben die verschiedensten Typen und Periodenuntereinander gemengt. Um die dadurch entstandenen schweren Irrtümerzu verbessern . . . genügt es, die wohl erwiesenen Tatsachen zu erzählen,ohne ihnen irgendwie Gewalt anzutun, und einer jeden die ihr zukommendeverhältnismäßige Bedeutung zuzuweisen.« Warum hat sich Sombart , als erdas Christentum und den Kapitalismus, die, wie er selbst nicht leugnet, miteinander in Widerspruch stehen, als Ausstrahlungen des Judentums und derjüdischen Religion hinstellte, nicht entschlossen, Villaris Beispiel zu folgen?

Ich will nun erzählen, wie die Juden zum Kapitalismus gekommen sind.Dabei wird sich ausreichend Gelegenheit finden, einige der gröbsten IrrlehrenSombarts richtig zu stellen.

Ursprünglich sind die Juden kein Handelsvolk gewesen. Darin stimmenalle, die sich mit ihrer Geschichte beschäftigt haben, überein. »Man nimmtwohl allgemein an«, sagt Sombart , 1 ) »daß Israel sowohl wie Juda durch dieVermischung verschiedener orientalischer Völker entstanden sei.« Im ^.Jahr-hundert v. Chr. haben sie das Land Kanaan sich unterwarfen. Als sie indas Land eintraten, sind sie aber nicht der umherirrende Beduinenstammgewiesen, als welchen sie Sombart bezeichnet. 2 ) Vielmehr scheint, um mitMax Weber 3 ) zu sprechen, eines sicher: ein eigentliches Nomadenvolk oderein »Beduinenstamm « sind die historischen Israeliten, auch ihre herrschendenSchichten, niemals gewesen.« Auch »dürfen die Hebräer, trotz der größerenRücksicht, welche das alte Gesetz gegenüber dem Deuteronomium auf dieVerhältnisse des Viehbesitzes nimmt, schwerlich als ein in jener Zeit auchnur vornehmlich viehzüchtendes Volk angesehen werden«. Vielmehr wardie landwirtschaftliche Tätigkeit der einzelnen je nach der natürlichen Be-schaffenheit des Gebietes, in dem sie lebten, verschieden.

l ) Sombart , Die Juden etc. S. 340. 2 ) a. a. O. S. 405.

3 ) Agrargeschichte des Altertums im Handwörterbuch der Staatswissenschaften,3. A., I, 90, 91.