177
Im Bergland östlich vom Jordan waren die Bedingungen für Viehzuchtgegeben. Daher nach Numeri 32 den Stämmen Rüben, Gad und dem halbenStamm Manasse mit Rücksicht auf ihren großen Viehstand die Bezirke öst-lich des Jordans zugewiesen wurden. Gerade diese Stelle aber zeigt, daßdie genannten Stämme im Gegensatz zu den übrigen besonders als Hirtengelebt haben. Und wenn es im Deboraliede, um 1250 v. Chr., vom StammeRüben heißt, er sitze zwischen den Hürden zu hören das Flöten' bei denHerden, so hat dies mehr vom arkadischen Schäfer als vom rastlosen Be-duinen. Auch wird geradezu über seine Bedächtigkeit geklagt, die ihn ab-halte sich in den Kampf zu stürzen. * 2 )
Anders die übrigen Teile des Landes Kanaan. Gewiß auch von Judäa hat Strabo 3 ) als einer Gegend gesprochen, »die nicht beneidenswert ist, undderenthalben sich ja wohl niemand in einen ernstlichen Kampf einlassenmöchte«, und diese Kennzeichnung wird von den modernen Beobachternbestätigt. Aber das gilt nur für einen Teil von Judäa ; auch in diesem fandViehzucht, in dem übrigen Teil dagegen fand Weinbau statt. 4 ) Von den
') Nach Max Löhr, Israels Kulturentwicklung, Straßburg 1911, sind die He-bräer zwar ursprünglich Nomaden gewesen. Nach ihrer Niederlassung seien sie zu-nächst Halbnomaden, nicht gleich an der Scholle haftende Ackerbauer oder gar Städte-bewohner geworden (S. 21, 22). So hätten Abraham, auch noch Jakob und seineSöhne in Zelten gewohnt. Aber schon von Isaak und Jakob würden Feldbestellungund Weizenernte erwähnt (S. 22, 23). Aber alle diese Bemerkungen Löhrs beziehensich auf die frühere Zeit, bevor Israel nach Ägypten gezogen war. Sie haben mitden Zeiten nach Besitznahme des Landes unter Josua nichts zu tun.
2 ) Richter V, 16. Wegen dieser Hirtentätigkeit der östlich vom Jordan sitzen-den Stämme kann man die Israeliten ebensowenig Nomaden oder Halbnomaden
nennen, wie etwa die heutigen Bewohner der Lombardei , von denen ein Teil gleich-falls aus Schäfern am Südabhang der Alpen besteht, die umherschweifend ein schweresLeben führen (vgl. Gor io, Die Milchwirtschaft in der Lombardei . Münchener Doktor-dissertation 1900) und im Herbst aus den Bergen nach der Ebene ziehen. Undwenn Sombart aus den in der Bibel so häufigen Vergleichen des Verhältnisses vonGott zu den Menschen mit dem des Hirten zu seinen Schafen Schlüsse auf dennomadischen Charakter des Volkes Israel zieht, so finden sich diese Vergleiche janoch ebenso in der katholischen Kirche von ihrer Entstehung bis heute. Würdeer daraus, daß ihr der Papst der Oberhirt, und die Erzbischöfe und Bischöfe diediesem untergeordnete Hirten der Christenheit sind, etwa auf den nomadischenCharakter der Katholiken schließen? 3 ) Strabo XVI, 2, 36.
4 ) Vgl. den Jakobssegen, Gen. 49, 11, 12. Da heißt es: »Er bindet an denWeinstock sein Eselfüllen und an die Edelrebe das Junge seiner Eselin. Er wäschtin Wein sein Kleid und in Traubenblut sein Gewand, die Augen trübe von Wein.«Es ist bemerkenswert, daß Sombart S. 406 nur den Schluß von Vers 12: »und dieZähne weiß von Milch« zitiert. Es hindern ihn die vorausgehenden Sätze, wonach
23