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Nun dürfen wir wohl annehmen, daß die Hebräer gleich anderen Völ-kern, welche, in ein fremdes Land eingedrungen, dessen Bewohner unter-worfen haben, gleich den Griechen und später den Germanen, zunächst nichtselbst arbeitstätig gewesen sind? Sie zogen in die Städte und Dörfer, 1 )welche die Einwohner, die sie vorfanden, bis dahin bewohnt hatten, ließendie Felder durch diese bestellen, und wenn die Städte später besonders ge-nannt werden, so wissen wir ja auch von den Griechen, daß die Stadt beiihnen das Übergewicht über das Land erlangt hat. Gewiß, daß die Gefahrvor räuberischen umherschweifenden Horden dazu besonders veranlaßt habenmag. Das war im Mittelalter aller Völker der Fall. Aber wie wir bei denGriechen und später bei den Germanen in den auf das Seßhaftwerdenfolgenden Jahrhunderten freie Volksgenossen finden, die selbst im Landbautätig sind, so auch bei den Israeliten. Von Boas erzählt das Buch Ruth,daß er selbst seine Schnitter beaufsichtigt und nachts hinter einer Mandelauf der Tenne schläft; 2 ) Saul wird uns geschildert, 3 ) wie er des Abendshinter seinen Pflugochsen vom. Felde zurückkehrt, und von Elisa wird er-zählt, 4 ) daß er selbst eines der zwölf Ochsengespanne geführt, mit denen seineFelder -bestellt wurden, und vom Manne der reichen Sunamitin, daß er sichbei seinen Schnittern auf dem Felde befand. 5 ) All’ das deutet auf das Vor-handensein großbäuerlicher Betriebe. Unter Salomo scheinen dann zahl-reiche Fronhofswirtschaften in Israel bestanden zu haben, ähnlich wie wirdiese in Griechenland im mykenischen Zeitalter finden. Der Handel mitfremden Völkern, der sich seit Salomo zu entwickeln begonnen hat, scheint,wenn er auch noch nicht großartig w r ar, doch ausreichend gewesen zu sein,um einigen die Mittel zum Bauernlegen gegeben zu haben. Sombart freilichsagt, 6 ) nur äußerst selten finde sich der Bauer in der Bibel erwähnt; aberdie flammende Entrüstung der Propheten 7 ) über die Geldbesitzer, welchedie Acker an sich reißen und Feld an Feld rücken, bis kein Platz mehrbleibt und sie allein die Besitzer im Lande geworden sind, hat doch dieExistenz von Bauern zur Voraussetzung. Sombart freilich möchte auch dieStelle Jer. 39, 10 so deuten, daß sie sich mit seiner These vereinigen läßt.Da heißt es von Nebusar-Adan, dem Obersten der Leibwächter: »von dengeringeren Leuten jedoch, die gar nichts ihr Eigen nannten, ließ er etlicheim Lande Juda zurück und verlieh ihnen an jenem Tage Weinberge undGärten«. Sombart sieht in den Zurückgelassenen Kolonen oder Fronarbeiter,
’) Vgl. Josua Kapitel 15 n ff.
2 ) Ruth III, 7. 3 ) I. Samuel 11, 5.
4 J Könige 19, 19. 5 ) Ebenda II, 4, 18.