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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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von Salmanassar in die Gefangenschaft geführt worden sind, wie es II Kg.18, 11 heißt: »Und der König von Assyrien führte die Israeliten gefangennach Assyrien und siedelte sie an in Chalach und am Chabor, dem FlusseGosans und in den Bergen der Meder.« Desgleichen findet er in Antiochia io Juden, die Glas fabrizieren, in Sidon findet er jüdische Handwerker undFärber und in Tyrus, in der Nachbarschaft des Sitzes des Stammes Sebulon ,jüdische Rheder und Glasmacher. 1 ) An allen den Orten aber, wo sie Land-bau und Gewerbe treiben, sind sie entweder die Herren oder wenigstensfrei in der ungestörten Verwertung ihrer wirtschaftlichen Kräfte.

Also nicht bloß in Polen während des 16. Jahrhunderts 2 ) haben dieJuden Landbau getrieben. Wie will Sombart angesichts der vorgeführtenZeugnisse seine Behauptung aufrecht erhalten, die Juden hätten körperlicheArbeit allezeit gescheut?

Soweit die Israeliten Landwirtschaft und Handwerke betrieben, findenwir trotz des Kapitalismus, der ihnen nach Sombart im Blut gesteckt habensoll, in ihrer Berufstätigkeit keinen kapitalistisch hervortretenden Zug. DieSache wird anders, sobald die Juden anfangen, sich auch mit Plandel zu be-schäftigen. Daß sie ursprünglich kein Handelsvolk gewesen sind, habe ichschon gesagt. 3 ) Wir haben gesehen, daß sie, nachdem sie in Palästina seß-haft geworden, je nach der Beschaffenheit des Gebiets, in dem der einzelneStamm sich niedergelassen hatte, die einen Viehzucht, die anderen Ackerbau,Weinbau, Obstbau trieben. Aber von Anfang an haben sie Waren ver-braucht, die sie weder selbst hergestellt, noch anderen geraubt hatten, undvon Anfang an dürften Erzeugnisse Palästinas auf dem Wege des Verkaufsins Ausland gekommen sein. Nur daß es anfänglich fremde Hausierer ge-wesen zu sein scheinen, welche das Land mit fremden Produkten durch-zogen, gleichwie der Überfluß an einzelnen heimischen Erzeugnissen anfäng-lich von Phönikern 4 ) und Philistern ausgeführt worden ist. Übrigens be-

*) Benjamin von Tudela pp. 16, 70, 83, 26, 29, 30.

2 ) Sombart S. 414. 3 ) Vgl. auch Jean Juster a. a. O. II 297 ff.

4 ) Selbst in der Zeit nach dem Exil, im 3. Jahrhundert v. Chr., in welches(vgl. Kautzsch, Altes Testament 3. A., Tübingen 1910, I. 249) die Abfassung derSprüche fällt, waren noch phönikische Kaufleute inmitten der Juden angesiedelt. Dasbuhlerische Weib, von dem in den »Sprüchen 7« die Rede ist, war die Frau einesphönikischen Kaufmanns, der, wie dies die Tyrier zu tun pflegten (vgl. Movers,Die Phönizier II 3, S. 146), zur Neumondzeit den Markt besuchte und erst am Voll-mondstage wieder heimkehrte. Hätte Sombart , Die Juden und das Wirtschafts-leben, Leipzig 1911, S. 365, die Worte (Sprüche 7, 5), »daß sie dich vor demfremden Weibe bewahre, vor der Auswärtigen, die einschmeichelnd redet«, be-achtet, so hätte er, um die von ihm verfochtene These zu halten, aus dem ab-