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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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ganisationstypen, die sich in der jüdischen Volkswirtschaft seit der Königs-zeit bis zum Ende der nationalen Selbständigkeit und wohl bis zur Kodifi-kation des Talmud fänden, auch das Handwerk. Läßt sich das Handwerkohne körperliche Arbeit betreiben? Oder waren die Schlosser und Schmiede,die Nebusar-Adan außer den Fürsten und Obersten des Volkes ins Exilgeschickt hat, vielleicht Angehörige unterworfener Völkerschaften? Warumhat sie der babylonische Feldherr dann nicht zurückgelassen? Und auchnach der biblischen Zeit haben die Juden Landbau getrieben. Nach demTalmud 1 ) lebten in Babylon außer den Nachkommen der nach Babel depor-tierten Angehörigen des Zehnstämmereichs, die überhaupt aus dem Exilnie zurückgekehrt sind, noch die von den Stämmen Juda und BenjaminZurückgebliebenen. Der überwiegende Teil dieser babylonischen Juden triebAckerbau, was, wie Funk betont, 2 ) schon der Umstand beweist, daß in denErntemonaten die Gerichte feiern mußten, wie denn auch Raba seine Hörerauf forderte, 5 ) sich in diesen Monaten der Feldarbeit zu widmen, damit sienicht das ganze Jahr hindurch von Nahrungssorgen gequält würden. Unterden babylonischen Juden entstand der agrarische Spruch: »Wer keinenAcker hat, ist kein Mensch«, 4 ) und nach Funk 5 ) waren die meisten jüdi-schen Traditionslehrer Landleute, Grundbesitzer und, wie ihre Aussprücheüber landwirtschaftliche Regeln zeigen, mit der Landwirtschaft wohl ver-traut. Ebenso entstand unter ihnen der Spruch, der ihre Stellung zum Hand-werk kennzeichnet: »Sieben Jahre Hungersnot und der Professionist hatnoch immer Brot.« 6 )

Wie die assyrischen und persischen Könige, so haben nach ihnen dieSeleukiden und die Ptolomäer Zehntausende von Juden in Kleinasien undÄgypten als Kolonen angesiedelt, 7 ) und namentlich in Ägypten finden wiraus dem zweiten Jahrhundert v. Chr. bis zum zweiten Jahrhundert n. Chr.zahlreiche Juden als Grundeigentümer, als Pächter oder einfache landwirt-schaftliche Taglöhner. 8 ) Und nicht anders scheint es in den folgenden Jahr-hunderten gewesen zu sein. Benjamin von Tudela hat im 12. Jahrhundertdie Juden als Ackerbauer in Ivrissa in Griechenland, in Arabien und imGebirge Naisabur in Persien gefunden. Von letzterem berichtet er: »Undes gibt Israeliten in Persien , die sagen, daß vier Stämme Israels im Gebirgevon Naisabur wohnen, nämlich Dan, Sebulon, Ascher und Naphtali , welche

') Vgl. Funk, Die Juden in Babylonien 200 500, Berlin 1902, 1908, Iii.

2 ) Funk II, ii. 5 ) Funk II, 68. 4 ) Jebam 63 a.

5 ) Funk a. a. O. II, 66. 6 ) Sanhedrin 29 a.

7 ) Siehe Jean Juster a. a. O. II, 265 ff. 8 ) Ebenda S. 294296.